Psychologie

Eine gesunde Demokratie ist angewiesen auf Wachsamkeit, Zivilcourage und Mitmenschlichkeit. Doch woher sollen diese Werte kommen? Wie soll der „moderne“ Mensch sich für die Werte der Demokratie und Menschenrechte begeistern?

Der kritische katholische Theologe und Gründer des Projektes „Weltethos“ Prof. Dr. Hans Küng beschreibt das Problem nüchtern:

„Sachwissen ist noch kein Sinnwissen, Reglementierungen sind noch keine Orientierungen, und Gesetze sind noch keine Sitten. (…) Was nützen den einzelnen Staaten oder Organisationen, ob der EG, den USA/UNO immer neue Gesetze, wenn ein Großteil der Menschen gar nicht daran denkt, sie auch einzuhalten, und ständig genügend Mittel / Wege findet die eigenen gegen die kollektiven Interessen durchzusetzen.“ (Hans Küng, Projekt Weltethos, 1996)

Wie können die Bedürfnisse der jetzigen Menschen-Generation befriedigt werden – ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden?

Mahatma Gandhi beantwortete die Frage:

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

Doch davon sind wir weit entfernt.

Wähler wählen immer wieder die gleichen kapitalistischen Volksparteien, Konsumenten handeln nach dem Slogan „Geiz ist geil“ und lassen deshalb anscheinend teurere, aber heimische, ökologische Produkte aus der Region links liegen. Aktienbesitzern ist das einzige Interesse am Unternehmen ein möglichst hoher Börsenkurs.

Die Lebenswelt der modernen Menschen lässt sich mit feindseligen Werbeslogans wie „Lass’ Dich nicht verarschen“ oder „Ich bin doch nicht blöd“ sehr gut beschreiben. Ein weiteres Beispiel ist die so genannte „Spring-Break-Kultur“, die Westeuropas und Amerikas Jugend beim Partyurlaub auf Ibiza oder Florida im Rausch auslebt.

Dann werden die maßlosen materiellen Begehrlichkeiten auch noch als universelle menschliche Gesetzmäßigkeiten verteidigt. Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es gab viele Völker, außerhalb des westlichen Kulturkreises, die sich sozialer und ökologischer verhielten. Zu nennen wären etwa nordamerikanische Indianervölker, die sich im 18. Jahrhundert nicht an den Lebensstil der europäischen Einwanderer anpassen wollten.

So war beispielsweise Senator Dawes zwar von dem Indianer-Stamm Cherokee bei seinen Besuchen um 1875-1880 begeistert, jedoch bezweifelt er, dass die indianische Kultur in der sogenannten „modernen“ Welt überlebensfähig wäre. Deshalb erarbeitete er, gut gemeint, mit anderen Senatoren und mit Zustimmung von Präsident Grover Cleveland den „General Allotment Act“ (Landzuweisung) oder auch „Dawes Act“, der zum Gesetz wurde und sagte …

„Die Schwachstelle ihres Systems war offensichtlich. Sie sind so weit gekommen, wie es ihnen möglich war, denn ihr Land befindet sich im Gemeinbesitz (…) und unter diesen Umständen gibt es keine Unternehmung, die das eigene Haus besser stellen kann als das der Nachbarn. Selbstlosigkeit ist nicht die Grundlage der Zivilisation.“ Senator Henry Dawes um 1880

Angesichts von Unrechtigkeit, Armut, Terrorismus und Umweltzerstörung – ist es eine Frage des Überlebens, ob auch wir im westlichen Kulturkreis fähig werden, normal zu sein, menschlich. Das heißt, sozial zu denken und „zusammenzurücken“, auch mit „Mutter Erde“. Damit spiele ich auf die heute weit verbreitete Einstellung „Hauptsache mir und meiner Familie geht es gut. Wie es der Gemeinschaft geht, ist mir egal“ an.

Die Kunst zu lieben

Es gibt nur einen einzigen nachhaltigen Weg aus der Krise, der Psychoanalytiker Erich Fromm sprach von der „Kunst zu Lieben“. Wahre Liebe erfordert Arbeit an sich selbst, Wissen und aktives Bemühen, es wäre „nicht einfach ein schönes Gefühl, dem man sich hingibt.“

„Für die meisten Menschen liege das Problem der Liebe darin, geliebt zu werden, und nicht in der eigenen Fähigkeit zu lieben.“ (wiki)

Ohne eine Religion kann man nicht leben!

In jedem von uns steckt dieses existenzielle Bedürfnis nach innerem Halt und Orientierung. Es muss gelebt werden. Sie bewirkt das Gefühl des „Sich-hingezogen-Fühlens“ etwa zur Familie, Heimat, dem „Sein“, der Natur, zu Gott aber auch zu materiellen Werten und Macht- und Geltungssucht. Für Erich Fromm (1900–1980) ist Religion …

„… jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet.“ (Fromm, Erich (2003), Haben oder Sein, dtv, S. 135)

Objekte der Hingabe können Tiere, Bäume, ein unsichtbarer Gott, eine Klasse, eine Partei, Geld, Erfolg, der Markt oder ein Fußballverein sein. Wichtig ist für Fromm das folgende Kriterium zur Unterscheidung zwischen guter und schlechter Religiosität:

Gute Religiosität fördert die Fähigkeit und Bereitschaft zu Liebe, Vernunft und Solidarität, schlechte hingegen den Hang zu Macht, Abhängigkeit und Besitz.

Menschen leiden unter einer habsüchtigen „Marketing-Religion“!

Die verbreitete Unfähigkeit zu lieben, geht einher mit dem Fehlen einer liebevolle Religion. Weit verbreitet ist heute, Erich Fromm prägte den Begriff, der „Marketing-Charakter“. Die diesem Charakter zugrunde liegende ökonomische Lebenseinstellung hat das Ziel, sich möglichst konform an den öffentlichen Geschmack und Meinung anzupassen.

„Wer an einer Hochschule war, der weiß, dass das Bildungssystem in hohem Maße dazu neigt, Anpassung und Gehorsamkeit zu belohnen…es wirkt wie ein Filter, an dessen Ende die übrig bleiben, die ganz aufrichtig (sie lügen nicht) den Rahmen aus Überzeugungen und Einstellungen des sie umgebenden Machtsystems der Gesellschaft verinnerlicht haben.“ Noam Chomsky: „What Makes Mainstream Media Mainstream“, Z Magazine, 1997

Schon Emanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, 18. Jhrd., erkannte diese menschliche Tendenz, sich in die Herde einzufügen:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen.“
„Faulheit und Feigheit sind die beiden Ursachen warum ein Teil der Menschen gerne Zeitlebends unmündig bleibt und warum es anderen so leicht wird sich zu dessen Vorbildern auf zu werfen.“
„Es ist so bequem unmündig zu sein.“

Es spielt auch eine gewisse Angst mit, aus der gewohnten, verlässlichen Weltsicht auszubrechen, auch ein unbewusster Überlebensimpuls „Was bringt mir das?“ Kritische Psychologen analysierten die dahinter liegende Angst-Vermeidungsstrategie am Beispiel, wie manche abwehrend auf Informationen bzgl. der Anschläge vom 11. September reagieren. (youtube)

Medienmacht 

Die Medien (und die Werbung) geben dem „Marketing-Charakter“ die benötigte Orientierung. Was ist „normal“, was nicht. Wer ist „in“, wer „out“. Was ist „gefährlich“, was nicht. Was ist Thema, was nicht?

Bei ihrer Manipulation spielt den Medien in die Hände, dass der Mensch ein Herdentier ist. Seit jeher ist es eine Frage des Überlebens gewesen, eine Volksgruppe, Familie zu haben. Für diese Sicherheit ordnen wir uns unter und schalten notfalls Kopf und Herz aus. Die Medien vermitteln für „das Volk“ zu sprechen. Sie geben vor, was „normal“ ist. Die Menschen suchen instinktiv die emotionale Sicherheit der „Normalität“. Alles was sie stört, wird als gefährlich eingestuft und abgewehrt, als „verrückt“ und unvorstellbar eingestuft. Während des 3. Reiches wehrten beispielsweise viele Deutsche Informationen über Konzentrationslager ab, „nein, das würde der Führer nicht zulassen.“

Der Jesuit und Unternehmensberater Rupert Lay definiert Ketzer als Menschen, …

„… die an der Peripherie, weitab vom ideologischen Zentrum stehend, neue Antworten auf alte Frage geben; neue Fragen stellen, die Antworten einfordern, die unangenehm, die beängstigend sind und nicht konform gehen mit der allgemeinen Selbstverständlichkeit“. (telepolis)

Ketzerei sind unbeliebt, denn …

„… das Bewahren von Sicherheiten [war] zu allen Zeiten für Menschen ein sehr viel stärkerer Motivator (…) als das Erkennen von Wahrheiten“. (ebd)

Nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, verteidigen sich die angepassten Mitläufer, dass sie ja nichts gewusst hätten. Aber das stimmt nicht: Auch heute liegen alle Informationen vor, zwar nicht in den Talkshows und Hauptnachrichten, aber im Internet. Dem nachzugehen würde jedoch Zeit und Arbeit erfordern. 

Medial bewirkte Unterordnung unter System

Der Selbstwert und „Eigenliebe“ wird gemessen an dem Erfolg in der Außenwelt. Man und Frau hoffen auf gute Geschäfte – etwa auf dem Heirats- oder beruflichen Personalmarkt. Dementsprechend ist die Bindungsfähigkeit nur eingeschränkt möglich, da flexibel bessere Angebote angenommen werden.

„Du kannst keinen Menschen dazu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, es nicht zu verstehen.“

Eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Gegenüber und der Allgemeinheit entspricht dem „Marketing-Charakter“. Da nicht wahrlich geliebt wird, lebt der Mensch nicht gemäß seines Wesens:

„Die durch Konformität erreichte Einheit sei eine Pseudo-Einheit, die durch produktive, d. h. schöpferische, kreative Tätigkeit erreichte Einheit sei nicht zwischenmenschlicher Natur und die orgiastische Vereinigung sei nur vorübergehender Art. Einzige befriedigende Antwort auf die Frage der menschlichen Existenz ist nach Fromm die zwischenmenschliche Einheit: die Liebe.“ (wiki)

„Nur die Liebe eines reifen Menschen wahrt die eigene Integrität und Individualität. (…) Laut Fromm ist das liebende Geben nicht mit Aufgeben gleichzusetzen. Der Marketing-Charakter sei zwar bereit zu geben, jedoch nur im Austausch mit etwas anderem, ansonsten fühle er sich betrogen. Für den produktiven (aktiven, kreativen) Charakter sei das Geben jedoch Ausdruck der Gewissheit eines auf beiden Seiten positiven Zuwachses im Sinne von „Geteilte Freude ist doppelte Freude.“

Darüber hinaus enthalte die Liebe des aktiven Charakters auch die Elemente der Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem Anderen und Erkenntnis. Fürsorge umschreibt Fromm wie folgt: „Man liebt, wofür man sich müht, und man bemüht sich für das, was man liebt.“ (ebd.)

Der „Lohn“ der entwickelten Liebesfähigkeit ist Selbstliebe. Der Mensch liebt an sich seine eigene Liebe für die Mitwelt. Ohne eine gute Religion ist dies unmöglich. Daher ist jede Zeitanalyse, die ..

„… die religiöse Dimension ausklammert defizient. (Hans Küng, Projekt Weltethos, 1996)

Nachhaltigkeit ist Liebe

Letztlich können nur liebes-fähige Menschen eine zukunftsfähige Welt schaffen! Der große Natur-Verbrauch, die „Wegwerf“- und Konsumgesellschaft sind Ausdruck fehlender Liebesfähigkeit. Wir sind ein Volk von Zins-Wucherern. Bezeichnend für die Dekadenz der Zeit ist das auf Habsucht basierende Zinses-Zinssystem. Die meisten Probleme basieren auf mangelnder oder falsch verstandener Lebensfreude; auf falsch verstandener „Selbst-Liebe“.

Menschen müssen aber nicht Opfer ihrer eigenen (manchmal schlauen) Unwissenheit werden, sich selbst erniedrigen und immer weiter selbst hassen. Eine neue großzügige und liebende Herzens-Sicht auf den Sinn des Lebens erwächst, die im Alltagsleben Mitmenschen und Umwelt – dann auch dem Handelnden – zugute kommt. Ein Leben mit (wahren) Wert. Eine Lebensfreude, die auch der Mitwelt zugute kommt, eine nachhaltige Lebensfreude.

Aus der unglaublich großen Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Lebenswert und -freude und den immer wieder selbst zugefügten Verletzungen, resultierend aus einer dementsprechenden Welt voller Scheinheiligkeit und falschen Ratschlägen, ergibt sich der Inhalt der Blog-Einträge „Psychologie“. Beispiele einer „nachhaltigen Lebensfreude“ werden gegeben. Die Artikel im Bereich „Psychologie“ veranschaulichen unter anderem …

• Lebenswerte nachhaltiger Lebensfreude und deren Ursprung,
• Strategien der Meisterung von Verletzungen und Herausforderungen,
• Biografien und Angebote nachhaltiger und nicht-nachhaltiger Lebensfreude,
• Nachhaltige, politische Initiativen zur Förderung des Bewusstseinswandels.

4 Gedanken zu „Psychologie“

  1. Ich persönlich finde es schade, daß in diesem Text die Religion herangezogen wird, da ich ihn davon ab sehr schön finde. An einen Gott glaube ich dennoch nicht, da dieser für mich nur ein weiteres Korsett ist, in das Menschen sich zwingen, um sich „erfüllt“ zu fühlen und als solches nicht besser als der Kapitalismus.
    Die besondere Bedeutung der (monogamen) Liebe finde ich auch etwas übertrieben, auch hier sollte sich der Mensch von allen Zwängen lösen und weder einem „Marktideal“ noch einem anderen (zB christlichen) Idealbild der Liebe nachhecheln, sondern einen Menschen finden, dem er sich wahrlich verbunden fühlt.

  2. Mir persölich fehlt die Kernaussage von Fromm die den einzigen nachhaltigen Weg aus der Krise erst ermöglicht.
    Die “Kunst zu Lieben” setzt die Arbeit voraus sich selbst zu Lieben. Nur wer sich selbst liebt kann auch andere Lieben.
    Nur wer sich selbst erkennt kann auch andere und damit die letztlich relativ einfache Welt um uns herum verstehen.
    Erst damit zeigen Bemühungen zur Verbesserung fruchtbare Wirkungen.

  3. Einer der besten Artikel die ich seit langem gelesen habe, deshalb sei dem Kommentator JB gesagt das sein beanstandetes Korsett nicht die Religion ist sondern der Mangel sich neuem zu öffnen. In der Tat liegt im falschen Verständnis zur Liebe die zwingend folgerichtige Frustration und alle charakteristischen und politischen Fehlentwicklungen sind dem Entsprechend nur zwangsläufig.

    1. Schließe mich TG voll an.
      Zu Religion/religio = Rückbindung , im weiteren Sinne damit auch Rückhalt (!), ist zur Kritik von JB zu bedenken daß dies im Artikel doch richtig und korrekt dargestellt wurde:

      „„… jedes von einer Gruppe geteilte System des Denkens und Handelns, das dem einzelnen einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe bietet.“ (Fromm, Erich (2003), Haben oder Sein, dtv, S. 135)

      G.L. „Objekte der Hingabe können Tiere, Bäume, ein unsichtbarer Gott, eine Klasse, eine Partei, Geld, Erfolg, der Markt oder ein Fußballverein sein. “

      Wenn wir den Begriff religio/Religion erweitern s.o. um Rückhalt, dann kann dies z.B. nicht nur „Gott“ oder eine bestimmte Glaubensgemeinschaft/Kirche sein, sondern z.B. auch die Wissenschaft, der Staat (so er Rückhalt bieten kann) , eine Partei/ Ideologie und deren Instituionen, Geld (als Ersatzgott), etc.

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