Über “Kleiner Adolf”, Mevlüt Kar und den Kiesewetter-Mord

Folgender Artikel spekuliert über mögliche Verbindungen zwischen den „Ceska-Morden“, dem ehemaligen Verfassungsschützer Andreas T. und der ermordeten Polizistin Kiesewetter.

“Kleiner Adolf”
Ein Mitglied des hessischen Verfassungsschutzes war im Internet-Cafe von Halit Yozgat, als er dort am 6. April 2006 erschossen wurde. Frau Catrin Rieband, stellvertretende Leiterin des Landesamtes für Verfassungsschutz, erklärt den Sachverhalt vor dem deutschen Innenausschuss Ende November 2011:

“Letztlich muss man insoweit feststellen, dass aufgrund der Einbuchungen im Internet das Zeitfenster nachvollzogen werden konnte, zu dem sich unser damaliger Mitarbeiter in dem Internetcafé befunden hat. Er hatte ursprünglich gemeint, er habe das Café vor der Tatbegehung, also vor Abgabe der Schüsse, verlassen. Das wäre ein sehr kurzes Zeitfenster, das dann nur bliebe. Es wurde insofern aber letztlich auch nicht abschließend nachgewiesen, dass er tatsächlich, während die Schüsse gefallen sein müssen, noch im Internetcafé war. Es ließ sich letztlich mit allen Möglichkeiten der Ermittlungen abschließend nicht klären, ob der Mitarbeiter, während die Schüsse fielen, noch im Internetcafé war oder es tatsächlich ganz knapp vorher bereits verlassen hatte.” (Quelle: zgt-online)

Der Verfassungsschutzmitarbeiter war also nicht nur während der ungefähren Tatzeit im Internet-Cafe anwesend, sondern er beendete das Internet-Surfen in der ungefähren Mord-Zeit.

Nach diesem Mord wurde gegen den Mitarbeiter ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Beteiligung eingeleitet. Er wurde festgenommen, da er sich verdächtig machte: Nach der Tat meldete er sich nicht als Zeuge – trotz öffentlichen Aufrufs! Nur durch eine Überprüfung der Internet-Rechner und DNA-Spuren wurde er schließlich entdeckt. In seiner Vernehmungen gab er an, an diesem Tag nur bis “eine Minute vor der Tatzeit” in diesem Internet-Cafe gewesen zu sein.  Es geben Zeugen an, dass er an diesem Tag eine Tüte bei sich hatte (Quelle: NR). Eine Tüte wurde wiederholt bei den “Döner-Morden” benutzt, um die Patronenhülsen aufzufangen.

Der Mitarbeiter trug in seiner Jugendzeit in seinem persönlichen Umfeld den Spitznamen “Kleiner Adolf”. Während Durchsuchungen seiner Wohnung und seines Elternhauses wurden Handfeuerwaffen, verbotene Munition, Auszüge aus Hitlers Buch “Mein Kampf” und ein Buch über Serienmorde  entdeckt.

Der “Verfassungsschützer” betreute Informanten im Bereich “Ausländerextremismus”. Nach BILD-Informationen wäre auch ein Mitglied der rechtsextremen türkischen „Grauen Wölfe” darunter gewesen. Der Spiegel berichtet am noch 21.02.2011, dass hinter den “Döner-Morden” eine “Allianz türkischer Nationalisten, Gangster und Geheimdienstler (…) stehen könnte.”,, wo auch Angehörige der Grauen Wölfe verstrickt sein sollen:

„Die Grauen Wölfe hätten ein Syndikat in Deutschland aufgebaut, und wer sich geweigert habe, sein Geschäft für die Geldwäsche zur Verfügung zu stellen, sei ermordet worden.“ (Quelle: SPON)

Desweiteren soll “Kleiner Adolf” einen …

“… V-Mann mit Kontakten zum „Thüringer Heimatschutz“

betreut haben. (Quelle: BILD).

Verfassungsschutz-Präsidentin Rieband bestätigte und dementierte im Parlamentsausschuss …

“… er hat eine Quelle im Bereich des Rechtsextremismus geführt, die entgegen der Bild-Berichterstattung nicht im „Thüringer Heimatschutz“ aktiv war.” (Quelle: zgt-online)

Jedoch teilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung offenbar die Bild-Information. Es hieße “in Berlin”, dass …

“… der frühere Verfassungsschützer einen rechtsextremen V-Mann mit „Bezügen nach Thüringen“ geführt [habe]. Dieser habe dort an drei Kundgebungen teilgenommen, darunter eine des „Thüringer Heimatschutzes“.(Quelle: FAZ)

Nichtsdestoweniger wurde das Verfahren 2007 gegen ihn eingestellt, denn er …

“… habe Alibis für vier der Morde gehabt, bei drei Taten gebe es eine „Plausibilität“, dass er nicht dabei gewesen sein konnte. (Quelle: FAZ)

Staatsanwalt Görz Wied, 2007:

“Es hat trotz umfangreicher Ermittlungen keine Hinweise gegeben, dass er bei anderen Morden der Serie am Tatort oder auch nur in der Nähe der Tatorte war.”

BKA-Präsident Ziercke, 2011:

“Für vier der acht Fälle gibt es ein eindeutiges Alibi. Da kann nachweisbar der Betroffene nicht in der Nähe der anderen Tatorte gewesen sein. Für die anderen vier Fälle gibt es deutliche Indizien, dass er nicht an diesen Tatorten gewesen sein kann. Die haben sich allerdings nicht so weit verfestigen lassen, dass man sie bereits als definitives Alibi bezeichnen kann.” (Quelle: zgt-online)

Nach BILD.de-Information aus dem Jahr 2011 war er jedoch bei sechs NSU-Morden in der Nähe der Tatorte. “Das hätte ein von der Polizei erstelltes Bewegungsprofil ergeben.” Doch wurde belastende Daten vernichtet. “Auch seine Stechkarten zur Arbeitszeiterfassung sind inzwischen verschwunden.” (Quelle: BILD)

Auf Nachfrage von Spiegel-Online Ende 2011 reagierten Sicherheitsbeamten “teilweise harsch im Ton”. Das angeblich neue Bewegungsprofil, von dem Bild-Zeitung berichtet, wird als “Quatsch” abgetan (Quelle: SPON).

Nach den eingestellten Ermittlungen gegen ihn, wurde er jedoch 2006 von seinem alten Posten suspendiert (Quelle: N-TV) und in den Innendienst versetzt. Seitdem hörten die “Ceska-Morde” an türkisch- und griechisch-stämmigen Männern auf.

Im Juni 2012 wurde ein Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft Kassel dem Magazin “Freitag” bekannt gemacht. Der Bericht wurde bereits am 04. Januar an den Generalbundesanwalt übersandt. “Das 19-seitige Schreiben (…) fasst die jahrelangen, ergebnislosen Bemühungen der Fahnder zusammen, Yozgats Mördern auf die Spur zu kommen.” Darin scheint sich der Verdacht gegen den Verfassungsschützer zu erhärten:

“So wurde nach T.s Festnahme 2006 ermittelt, dass der Verfassungsschützer am Tattag um 13.06 Uhr mit seinem Diensthandy ein 17 Sekunden dauerndes Gespräch mit einer in Kassel registrierten Festnetznummer führte. Angemeldet war dieser Anschluss auf die Wohnung des V-Manns „GP 389“ – dem Kasseler Neonazi also, den T. seit November 2003 als Informant führte. (…)

Zwar versuchten Polizei und Staatsanwaltschaft, den rechten V-Mann sowie einen weiteren möglichen Zeugen – einen Informanten des Verfassungsschützers aus der Islamisten-Szene, der T. nur 20 Minuten nach dem Mord angerufen hatte – zu vernehmen. Das vom heutigen hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) seinerzeit geführte Innenministerium in Wiesbaden verhinderte dies jedoch. Es erteilte keine Aussagegenehmigungen für die beiden V-Leute. Die Quellen wurden später lediglich durch den Landesverfassungsschutz selbst vernommen, nachdem Fragen der Polizei übersandt worden waren. Diese Vernehmungen erbrachten jedoch „keine weiterführenden Erkenntnisse“, berichtete die Staatsanwaltschaft.

Dabei ist aus heutiger Sicht die Spur von „GP 389“, dem Kasseler Neonazi, vielversprechend. Denn im zeitlichen Zusammenhang mit der Mordserie gab es nicht nur ein Telefonat zwischen T. und seinem rechten V-Mann. Eine neuerliche Auswertung von Telefondaten nach dem Auffliegen des NSU Anfang November 2011 ergab, dass Informant „GP 389“ am 6. April 2006 um 16.11 Uhr, also nur rund 50 Minuten vor den Todesschüssen auf Halit Yozgat, die Kasseler Außenstelle des Landesverfassungsschutzes angerufen hatte. Sein Gesprächspartner dort dürfte sein Verbindungsführer T. gewesen sein. Steht dieser Anruf im Zusammenhang mit dem späteren Geschehen im Internetcafé? Tatsächlich muss sich T. kurz nach dem Anruf in das Café begeben haben, wo er dann zur Tatzeit surfte.

Enge Beziehungen zu Blood & Honour

Und noch etwas ist auffällig: Laut Unterlagen, die vor sechs Jahren bei T. beschlagnahmt wurden, waren zwischen dem Verfassungsschützer und seinem V-Mann „GP 389“ auch am 9. Juni 2005 und am 16. Juni 2005 Telefonate geplant; ob sie wirklich stattfanden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Am 9. Juni 2005 wurde der 50-jährige Türke Ismail Yasar in seinem Döner-Imbiss in Nürnberg erschossen, am 15. Juni 2005 starb der Grieche Theodorus Boulgarides, Inhaber eines Schlüsseldienstes in München, nach Kopfschüssen aus der Ceska-Pistole.

Sind diese zeitlichen Zusammenhänge zwischen den Telefonaten des Verfassungsschützers mit seiner Quelle und gleich drei NSU-Morden nur Zufall? Laut Kalender war T. zudem am 10. Juni 2006, nur vier Tage nach dem Mord von Kassel, mit seinem V-Mann zu einem Treffen verabredet. (…)

Abwegig sind die Spekulationen nicht. Der V-Mann, der heute 31 Jahre alt ist und in der Nähe von Kassel lebt, unterhielt nach Informationen des Freitag seinerzeit enge Beziehungen zu einem führenden Aktivisten der regionalen Blood&Honour-Szene. (Quelle: Freitag)

Im NSU-Bekennervideo wurden Fotos der Erschossenen integriert, die anscheinend kurz nach der Tat gemacht wurden, noch bevor die Polizei eintraf. Es wurden drei Leichen fotografiert. Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes:

“Ich teile aber natürlich Ihre Bewertung, dass es sehr professionell hergestellt ist, mit Sequenzen aus einem bekannten Film, mit Sequenzen aus Fernsehberichterstattung, aber auch mit eigenen Fotos, die man am Tatort gemacht hat. Drei Bilder sind dabei, wo die Täter im Grunde genommen die Leiche fotografiert haben müssen. Das wissen wir, weil die Einblutungen zu dem Zeitpunkt, als die Leute erschossen worden sind, noch nicht so stark waren wie zu dem Zeitpunkt, als die Polizei kam und die Tatortaufnahmen gemacht hat. An diesem Unterschied kann man das durchaus erkennen.” (Quelle: zgt-online)

Es wäre interessant, ob es sich bei den drei Fotografierten um die Fälle handelt, wofür “Kleiner Adolf” keine Alibis vorweisen kann. In Verbindung mit den neuesten Erkenntnissen stellt sich außerdem die Frage, ob im NSU-Bekennerfilm “zufälligerweise” Fotos von Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides und Halit Yozgat integriert wurden. Leider ist es bisher nicht möglich gewesen, den Bekennerfilm komplett zu sehen, um dies nachzuprüfen.

Interessant wäre auch, ob der Dienstantritt dieses ehe. Verfassungsschützers mit dem ungefähren Beginn der “Ceska-Mordserie” zusammenfällt.

Der letzte Mord: Die Polizistin Michèle Kiesewetter
Am 25. April 2007 wurde Kiesewetter und ihr Kollege in einem Heilbronner Parkplatz brutal überfallen, als sie in ihrem Dienst-Auto saßen. Kiesewetter und ihr Kollege kauften dort regelmäßig in einer Imbiss-Bude ihre Brotzeiten und parkten ihr Fahrzeug vor Ort. Die Attentäter schlichen sich im toten Winkel hinter dem Auto an und schossen mit Handfeuerwaffen, einer Tokarew TT-33 und einer Radom VIS 35 (Die Waffen wurden in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung gefunden (Quelle: Krone). Nach dem Überfall wurden den schwer-verletzten Polizisten ihre Dienstwaffen, HK P2000, abgenommen (Quelle: BGH).

Bis 2009 verfolgte die Polizei das “Phantom von Heilbronn”, die “Frau ohne Gesicht”, als eine Verdächtige in dem Mordfall. Nach Jahren der ausgedehnten Fahndung stellte sich jedoch heraus, dass hinter dem Phantom eine Verpackungs-Mitarbeiterin steckte, die die Stäbchen verunreinigte. Sie arbeitete in einem Unternehmen, das Wattestäbchen herstellt mit denen DNA-Proben genommen werden. So wurde unter anderem auch die DNA-Probe aus dem Dienstwagen Kiesewetters verunreinigt (Quelle).

Ein NSU-Mord?

Die Dienst-Pistole Kiesewetter wurde im ausgebrannten NSU-Wohnwagen gefunden und in einem Ende 2011 verbreiteten Bekenner-Video bekannte sich der NSU indirekt zum Mord.

Doch wie konnte der NSU wissen, dass die Polizisten regelmäßig gerade an diesem Imbiss-Stand ihre Brotzeit machten? Hörten sie in Heilbronn über Monate den Polizeifunk ab?

Der Präsident des Bundeskriminalamtes Ziercke spekulierte Ende November 2011, dass es Verbindungen zwischen der Familie Kiesewetter und Rechtsextremen gäbe. Dies wurde scharf als “unsinnige Unterstellung” seitens der Familie zurückgewiesen (Quelle: SPON). Dagegen spricht auch, dass sich Kiesewetter erst am 17./18. April entschied, den Dienst zu tauschen, “während das von den Neonazis für Heilbronn benutzte Wohnmobil bereits Tage vor diesem Entschluss Kiesewetters angemietet wurde.” (Quelle: FP)

Trotz fehlender Bezüge zwischen Kiesewetter und dem NSU hält der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger jedoch den Heilbronner Polizistenmordfall für aufgeklärt. Dafür sprächen die Gesamtumstände, vor allem der Besitz der Dienstwaffen der Polizisten. „Solche Waffen gibt man nicht weiter“, sagte Pflieger. Laut Focus.de vermutet Pflieger das Mord-Motiv im Bereich der Beschaffungskriminalität. (Quelle: Focus). Diese Darstellung wird auch vom Chef des Bundeskriminalamtes Ziercke geteilt. Jedoch bezweifelt diese Darstellung der “Blaulicht-Blogs, in der sich Polizisten und Justizmitarbeiter anonym äußern:

“Es ist schon ein paar Tage her, daß der BKA-Chef Ziercke (SPD) eine neue Erkenntnis zu den Dönermorden veröffentlicht hat. Die Kollegin Kiesewetter, soll nun also gestorben sein, weil die Mörder an ihre Waffe wollten? Das klingt doch sehr abenteuerlich. Warum sollten zwei Mörder, die Waffen in verschiedenster Ausführung besaßen quer durchs Land fahren, um dann ein, zwei Polizisten umzulegen, um an deren Waffen zu kommen? Noch unauffälliger gehts ja kaum. Noch weniger Aufriss hätten sie nicht provozieren können? Dieses Motiv scheint so ziemlich das Unwahrscheinlichste zu sein, welches sich ein Mensch ausdenken kann, der sonst in der Lage ist mehrere Morde minutiös zu planen.”(Quelle: Blaulicht-Blog)

Für eine NSU-Beteiligung spricht, dass durch eine Ringalarmfahndung ein Wohnwagen registriert wurde, der von einem Holger G. angemietet wurde. “Doch eine Überprüfung des Gefährts unterblieb jahrelang (…). Erst aktuelle Nachforschungen ergaben, dass damals wohl Holger G. das mobile Versteck seiner Kameraden angemietet hatte.” (Quelle: T-Online)

In der Tat parkten zur Zeit des Mordes am Tatort viele Wohnwagen, die von Fest-Betreibern benützt wurden. Sie bauten in der Zeit gerade ein Fest auf. Trotzdem gibt es keine Zeugen (bis auf eine Ausnahme) des Kiesewetter-Überfalls (Quelle: HN). Wurden die Schüsse nicht gehört, weil während des Volksfest-Aufbaus Lärm entstand?

Mitte Juni 2012 berichtete die Heilbronner Lokalzeitung „die Stimme“ von einem Zeugen, der am Tattag gegen 14 Uhr, „nicht weit vom Tatort entfernt, zwei Männer und eine Frau mit weißem Kopftuch entgegengekommen seien.“ Einer der beiden Männer sei dann eine Treppe zum Neckar hinuntergegangen, und hätte sich Blut von den Händen im Neckar abgewaschen. Erst 2009 ging der Zeuge zur Polizei, da er befürchtete, dass ihm niemand glaube: „Meine eigene Familie hat mir nicht geglaubt.“ (Quelle: die Stimme)

Sind die einzigen Mord-Zeugen die Geheimdienste?

Störten die Polizisten bei einem Treffen zwischen dem NSU und Mevlüt Kar? Ein zugeschriebenes Observations-Protokoll des US-Militärgeheimdienstes „Defense Intelligence Agency (DIA) würde dies nahelegen: Es zeugt, dass zeitgleich und in unmittelbarer Nähe des Tatortes eine geheimdienstliche Beobachtung zweier Personen stattfand: Es hätte sich um Mevlüt Kar und einen nicht näher identifizierten Begleiter gehandelt.

Dem Magazin „Stern“ läge dieses Protokoll vor: Daraus ginge hervor, dass deutsche Verfassungsschützer und US-Agenten Zeugen des Polizisten-Mordes waren! Kar soll beschattet worden sein als er von einer Heilbronner Bank kommend in die Festwiese einfuhr. Dort wurden die US-Agenten und Verfassungsschützer Augenzeugen einer Schießerei. Auszug:

„Schießvorfall, an dem [ein] BW (Baden-Württemberg?) Angehöriger einer Einsatzeinheit, politisch rechtsstehende Kräfte und eine reguläre Polizeistreife beteiligt sind.” (“SHOOTING INCIDENT INVOLVING BW OPS OFFICER WITH RIGHT WING OPERATIVES AND REGULAR POLICE PATROL ON THE SCENE.”). (Quelle: Stern)

Der Stern übersetzte “right wing operatives” mit “politisch rechts-stehende Kraft.” Das Englischportal dict.leo gibt jedoch für „operatives“ weitere Übersetzungen an: Zwei Mal „Agent“ beziehungsweise „Geheimagent“, einmal „Funktionär“ und vier verschiedene Arten von „Arbeiter“.

Mevlüt Kar

Kar wurde 1978 in Deutschland geboren. Im Jahre 2001 lernte Kar in Freiburg, nach Recherche von Gerhard Piper, Yahya Yusuf kennen, “der in den neunziger Jahren als einer der Kader von Al-Qaida in Deutschland galt, zugleich aber für das Landesamt für Verfassungsschutz in Stuttgart arbeitete.” (Quelle: Heise) Daraufhin hätten seine terroristischen Aktivitäten begonnen. Beispielsweise hätte er Kurierdienste für Al-Qaida übernommen und wäre in Kontakt mit der von deutschen Sicherheitsbehörden zerschlagene Terror-Zelle “al-Tawhid” gestanden. Kar wurde überwacht und schließlich in Istanbul verhaftet sowie dort von August 2002 bis November 2003 inhaftiert. Piper spekuliert, dass Kar spätestens während der Haft vom türkischen Geheimdienst MIT angeworben wurde.  “Anscheinend stand Mevlüt Kar auch mit der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) in Kontakt bzw. seine Hinweise wurden vom MIT an die CIA weitergegeben.” Laut MIT wäre jedoch die Zusammenarbeit 2002 schon geendet. Jedoch gründete Kar nach seiner Entlassung Terrorzellen, die er sogleich wieder verriet.

Am 17. Februar 2003 nahm die GSG 9 die angebliche Terrorzelle aus. Neben Mevlüt Kar als agent provocateur gehörten noch zwei weitere Personen der Truppe an: Mutlu A., Mohamed El-A. und Issam El-S.. Erstaunlicherweise kamen alle Beschuldigten noch am selben Tag wieder frei. Im Focus hieß es dazu: “Er soll der Anführer der jetzt aufgescheuchten mutmaßlichen Terrorgruppe sein und letztlich zu ihrer Enttarnung beigetragen haben.”

Später gründete Mevlüt Kar dann noch eine weitere Terrorzelle in Bad Harzburg, die sich aus mehreren Serben zusammensetzte: Dzavid B., Nedzad B., Ahmed H., Bekim T. und Blerim T. Hinzu kam der Somalier Ahmed Mani Hamud. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass Mevlüt Kar auch Verbindungen zu serbischen Schwerstkriminellen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität unterhielt.

Sauerland-Gruppe

Laut Piper gründete Mevlüt Kar offenbar die bisher gefährlichste islamische Terrorgruppe der bundesdeutschen Geschichte, die “Sauerland-Gruppe”:

Im Sommer 2004 lernte Mevlüt Kar in Istanbul Fritz Martin Gelowicz kennen, der zu diesem Zeitpunkt eine Möglichkeit suchte, nach Tschetschenien zu reisen. Außerdem lernte Mevlüt Kar Mitte 2005 Attila Selek kennen. Er machte seinen beiden neuen “Freunde” miteinander bekannt und legte damit einen Baustein zur Gründung einer weiteren Terrorzelle, die später als “Sauerland-Gruppe” bekannt wurde.

Mevlüt Kar hätte eine zentrale Rolle in den Attentats-Vorbereitungen gespielt. Er hätte die Sprengzünder der Bomben organisiert und Geheimdienst-Informationen an die Zellen-Mitglieder weitergeben. Laut eines Mitglieds wäre Kar gelegentlich bei Treffen …

… für eine Stunde verschwunden, offenbar, um Ermittler zu treffen. Einmal sei K. nach einer Unterbrechung zurückgekehrt und habe plötzlich gewusst, dass die deutschen Behörden gegen eine Gruppe von Islamisten ermittelten. Dabei seien auch die Namen der Verdächtigen, ihre Namen gefallen. “Dann sagte er mir, dass er diese Informationen vom Geheimdienst klauen würde”, gab Selek zu Protokoll.

Obwohl das Geständnis Mevlüt K. schwer belastet, zögert die Bundesanwaltschaft noch, einen Haftbefehl gegen den in Ludwigshafen geborenen Türken zu beantragen. (Quelle: SPON)

Die Mitglieder wurden, bis auf Kar, Anfang September 2007 festgenommen.

Der “Sauerländer” Terrorist Attila Selek beschrieb Kar als …

“… radikalen Islamisten mit Mafia-Bezug (…), der stets eine Pistole mit sich führe und von brutalen Liquidationen von “Verrätern” berichtet habe. Im Frühjahr 2007, so Seleks Aussage, habe Mevlüt K. zwei Männer im Umgang mit Sprengstoff ausbilden lassen wollen. Es sei um Anschläge gegangen. Das Ganze habe “etwas mit Georgien” zu tun, habe Mevlüt K. gesagt.” (Quelle: Heise)

Am 30. Januar 2008 wurden zwei georgische Autohändler ähnlich wie Kiesewetter ermordet – durch Kopfschüsse (Quelle: Stern). Einer der Mörder war der Somalier Ahmed H. – laut BKA “wichtigster Kontaktmann” von Mevlüt Kar (Quelle: Hintergrund). Am Kiesewetter-Tatort wurden zwei Araber am Tatort registriert:

“Davon soll einer Mitglied der Hamas gewesen sein; außerdem stand einer der beiden in Kontakt mit Mevlüt Kar und dem Somalier Ahmed Mani Hamud. Die namentlich nicht bekannten Araber wurden damals von der Polizei als Zeugen vernommen.” (Quelle: Heise)

Das Magazin “stern” berichtete bereits Mitte September 2011 von einer möglichen Beteiligung radikaler Islamisten beim Kiesewetter-Mord. Anhaltspunkte wären u. a., dass russische Schusswaffen des Typs “Tokarew” von “Gotteskriegern” in Tschetschenien eingesetzt werden würden und Mitglieder der “Sauerland-Gruppe” ausgesagt hätten, “dass sie im Terrorcamp an der Tokarev und der Kalashnikov ausgebildet worden seien.” Jedoch wären die Hinweise von den Ermittlungsbehörden nicht “intensiv verfolgt” worden. (Quelle: stern)

Kurz nach dem Kiesewetter-Mord, Ende April 2007, hielt man bei der Heilbronner Polizei in einem internen Dokument Folgendes fest:

“Als weiterer Ermittlungsschwerpunkt ist die Fahndung nach einer bislang nicht identifizierten blutverschmierten Person zu sehen, welche am Tattag, gg. 14.30 Uhr, im Bereich der Sontheimer Straße in Heilbronn (Entfernung zum Tatort ca. 1500 m), rennend aus dem Wertwiesenpark kommend, nach Aufforderung eines russisch sprechenden Pkw-Fahrers in seinen dort wartenden Pkw, Audi 80, Farbe blau, mit Mosbacher Kennzeichen auf der rechten hinteren Pkw-Seite einstieg.” (Quelle: Kontext)

Mevlüt Kar spricht russisch (Quelle: Pro Heilbronn) und wird erst seit 13. August 2009 mit internationalen Haftbefehl gesucht. Man hätte erfolglos ein Rechtshilfeersuchen an die türkischen Behörden gestellt. Mevlüt Kar lebe unbehelligt in Istanbul in der Türkei (Quelle: Heise).

Reaktion der Sicherheitsbehörden

Die Verfassungsschutz-Ämter und die Generalbundesanwaltschaft dementieren, man habe “keinerlei Anhaltspunkte” dafür, dass zum Tatzeitpunkt US-Agenten oder Verfassungsschützer am Tatort gewesen seien (Quelle: n-tv).

Anfang Juni 2012 greift der SZ-Redakteur Herr Leyendecker die Quelle des nach seiner Meinung“dubiosen Papiers” an, es handelt sich um einen früheren deutschen Mitarbeiter des US-Nachrichtendienstes. Leydendecker stützt sich auf Aussagen von US-Geheimdienstmitarbeitern sowie der US-Botschaft und schreibt, dass der Mitarbeiter  verdächtigt sei, eine “aufsehenerregende Legende” verbreitet zu haben, er hätte außerdem einen “schlechten Ruf”. Leydendecker vermittelt indirekt den Eindruck, der ehemalige Mitarbeiter sich mit seiner Aussage in den Vordergrund hätte spielen wollen, um einen Job als “Persönlicher Referent in Sachen Nachrichtendienste” bei einem Bundestagsabgeordneten zu ergattern (Quelle: SZ).

Spekulationen

Trotz all dieser wütenden Angriffe und Dementi wäre eine Verbindung zwischen türkischer Mafia (in Person von Mevlüt Kar) und dem NSU eine Möglichkeit, die Hintergründe der Mordserie besser zu verstehen. Waren Böhnhardt und Mundlos von den “grauen Wölfen” angeheuerte Killer und finanzierten so ihren Lebensunterhalt? War der Verfassungsschützer “Kleiner Adolf” der Vermittler? Organisierte die Mafia als Gegenleistung die Sauerland-Gruppe und bot damit den deutschen Sicherheitsbehörden ein Bedrohungsszenario und Erfolgerlebnis im “Kampf gegen den Terror”? Gibt es eine Scheu vor hoch-politischen Verwicklungen mit der Türkei? Wird Mevlüt Kar in der Türkei überhaupt ernsthaft gesucht?