Durften die Ceska-Morde nicht aufgeklärt werden?

Verschiedene Sonder-Kommissionen (Soko) und schließlich die Soko „Bosporus“ sollten die Ceska-Mordserie an türkisch-stämmigen und einem griechischen Mitbürger aufklären. Mit 50 Beamten unter Leitung von Kriminaldirektor (LKD) Wolfgang Geier war die Soko „Bosporus“ die größte, die es in Deutschland je gab. Trotzdem konnten sich offenbar Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe dem Fahndungsdruck erfolgreich entziehen und weiter-morden. Wie soll dies möglich gewesen sein, wenn laut der polizeilichen Kriminalstatistik 97 % (wiki) aller Morde aufgeklärt werden?

Im Jahr 1998 hätte man laut eines Gutachtens des Landeskriminalamts Thüringen in Zschäpes Garage eine Diskette entdeckt …

“… auf der über ein “Türkenschwein”, das “heut noch stirbt – so ein Pech”, hergezogen wird: “Alidrecksau, wir hassen dich.” (Quelle: SZ)

Diese brisante Information fließt offenbar weder an die Zielfahndung, die das Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos verfolgt, noch an die Sonderkommissionen, die die „Ceska-Morde“ an meist türkischstämmigen Mitbürgern aufklären sollten.

Beginn der Ceska-Serie

Am 09. September 2000 geschah die erste tödliche Attacke, insgesamt bis 2007 neun Morde. Es wurden acht Türken und ein Grieche mit einer Schusswaffe der Marke „Ceska“ erschossen. Die Polizei nannte die Sonderkommission “Soko Bosporus”, die aber erst nach dem sechsten Mord, Mitte 2005, eingesetzt wurde.

Erste Ermittlungen

Vor der Gründung der „Soko Bosporus“ Mitte 2005 bildeten sich auf Länderebene verschiedene Sonderkommissionen, die sich schwer taten. Die meisten Morde geschahen anscheinend unbemerkt; an der Schusswaffe, einer Ceska 83, war manchmal ein Schalldämpfer angebracht; es gibt nur wenig Zeugenaussagen:

Phantombild eines Verdächtigen (Nr. 3)

Am 27. Juni 2001 wurde Süleyman Taşköprü (Nr. 3) mit drei Schüssen ermordet. Es wurde ein Phantombild eines Mannes erstellt, der damals in unmittelbarer Nähe des Tatorts gesehen wurde (Quelle: Frankenpost).

Nach der Ermordung von Habil Kılıç (Nr. 4) am 29.08.01 sagten Passanten aus, dass sie einen “ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen” sahen, der in ein dunkles Auto gestiegen sei (Quelle: Spiegel).

Im Jahr 2002 und 2003 fanden keine Morde statt.

Im Jahr 2004 wird Mehmet Turgut (Nr. 5) in Rostock erschossen. Einen Einblick in die Arbeit der gebildeten Sonderkommission namens „Kormoran“ gibt die Vernehmung des Kriminalhauptkommissars des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern, Jörg Deisting, vor dem Bundesdeutschen Untersuchungs-Ausschusses Mitte Juni 2012. Herr Deisting leitete die Soko „Kormoran“.

Die Journalistin Mely Kiyak verfolgte die Vernehmung des Ermittlers im NSU-Ausschuss. Hier sind auszugsweise ihre Notizen wiedergegeben: Die Fragen der Abgeordneten sind fett markiert, darunter ist seine Antwort kursiv:

„In welche Richtung haben Sie ermittelt?

 In alle Richtungen.

 In einer Analyse steht, dass es sich um einen Täter zwischen 18 und 40 Jahren mit Türkenhass handeln könnte, der sich enttäuscht aus der [rechten] Szene abwendete, weil sie ihm nicht hart genug war. Hatte diese Beschreibung Konsequenzen für Ihre Ermittlungsarbeit?

 Nein.

 Wieso sagen Sie dann „in alle Richtungen ermittelt“?

Wir sind davon ausgegangen, dass der Verfassungsschutz uns darauf hingewiesen hätte, wenn da was dran wäre.

Sie haben im Landtag eine NPD-Abgeordnete sowie eine aktive rechtsextreme Szene. Haben Sie das Landesamt für Verfassungsschutz zum Thema Rechtsextremismus kontaktiert?

Der Verfassungsschutz hat gesagt, es liegt das Delikt Rauschgift vor.

Kam Ihnen das nicht komisch vor, dass der Verfassungsschutz sich mit Rauschgift beschäftigt?

 Das weiß ich nicht. (Berliner Zeitung)

Am 09.06.05 wurde Ismail Y. (Opfer Nr. 6) in Nürnberg ermordet. “Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack.” (Quelle: SPON) Am 16.06.05 verteilte die Polizei Phantombilder, die Ähnlichkeiten zu Böhnhardt und Mundlos aufwiesen (siehe unten). Laut der sueddeutschen wären sie “Knapp 1,90 Meter groß, dunkelhaarig, schlank” (…) “Der eine trug Baseballmütze, der andere Sonnenbrille, beide Rucksack.” (Quelle: taz).

Foto: dpa

Soko Bosporus

Soko-Bosporus wird gegründet und geht Hinweisen auf einen Mafia-Bezug der Morde nach (Quelle: wiki). Medien spekulierten über die Taten einer “Türken-Mafia”; es wurde sogar von “Döner-Morden” geschrieben (Dieser Ausdruck wurde zum “Unwort des Jahres 2011″ gekürt (Quelle)).

Im Frühjahr 2006 empfahl ein Profiler nach einem ausländerfeindlichen Serientäter mit Kontakten zur rechten Szene zu suchen – allerdings mit einem „Ankerpunkt“ in einem „infrastrukturell bekannten Umfeld“ . Da drei der Morde, darunter die ersten beiden, in Nürnberg geschahen, wurde dieser „Ankerpunkt“ dort vermutet. Genauer: im Südosten der Stadt (Quelle: die Zeit).

Der “Frontal 21″- Beitrag “Im Visier des Verfassungsschutzes” zeigt, was dann geschah: Laut des früheren stellvertretenden “Soko Bosporus”-Leiters Klaus Mähler hätte man 2005 einen rechtsextremen Hintergrund in Erwägung gezogen, so dass die Soko im  Dezember 2006 eine Anfrage an den Bayrischen Verfassungsschutz (Quelle: ZDF) stellte: Man bat einen rechtsextremen Hintergrund der Mordserie zu prüfen und darum, diese Anfrage an die anderen Verfassungsschutzbehörden weiterzuleiten. Doch …

“… entgegen früherer Berichte wurde diese Anfrage vom Bayrischen Verfassungsschutz nicht an die anderen Ämter weitergeleitet.” (Quelle: dasdossier)

Ein Bericht darüber ist bei youtube zu sehen.

Vor dem Untersuchungs-Ausschuss bestätigt Geier, dass bei Überprüfung von Rechtsextremisten man sich auf Nürnberg als „wahrscheinlichsten“ Verankerungspunkt der Täter beschränkte (Quelle: Deutscher Bundestag).

8 Monaten später erhielt die Soko „Bosporus“ schließlich eine Liste vom bay. Verfassungsschutz. Sie beinhaltet Personalien von 682 Rechtsextremisten, die zum Täterprofil passten:

“Darunter war Mandy S., die zeitweise in der Nähe von Nürnberg gewohnt hatte und Kontakte zur militanten Neonazi-Gruppierung “Fränkischer Heimatschutz” unterhalten haben soll.” Jedoch wurden lediglich 161 der 682 Namen überprüft – “ob Mandy S. darunter war, ist unklar.”

Das Problem war offensichtlich, dass die Soko Bosporus keine Informationen über Mandy S. hatte: “Mandy S. war 2007 zumindest dem thüringischen und dem sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz als “Kontaktperson” der abgetauchten Neonazis Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe bekannt.” (Quelle: SPON) Ende Februar 2012 wurde aufgedeckt, dass im Sommer 2000  der sächsische Verfassungsschutz die rechtsexteme “Weiße Bruderschaft” in Johanngeorgenstadt observierte:

“Dabei wurde offenbar auch Uwe Mundlos, der damals im Untergrund lebte, fotografiert. (…) Doch erst elf Jahre später, im November 2011, übermittelte der Verfassungsschutz die Observationsfotos an das Bundeskriminalamt (BKA).” (Quelle: ZDF)

Besonders verdächtigt macht diese “Panne”, da Mandy S. Verbindungen zur “weißen Bruderschaft” hatte (Quelle: BNR).

Warum wurde die Soko nicht informiert?

Der ehemalige Leiter der Soku, Wolfgang Geier, sagte vor dem Bundestags-Untersuchungs-Ausschuss aus, dass er die Liste erst nach über einem halben Jahr und erst nach Nachfrage erhielt, man hätte beim Verfassungsschutz um Informationen betteln“ müssen (Quelle: Focus). Geier:

“Ich fand das nicht normal, deshalb habe ich nachgebohrt”.

… und wundert sich:

“Warum haben wir nie aus Thüringen erfahren, dass da drei Verdächtige fehlen, die möglicherweise zu unserer Serie passen?” (Quelle: Zeit)

Politische Reaktionen

Gegen Kritik am Vorgehen des Verfassungsschutzes verwahrte sich der bayrische Innenminister Joachim Hermann. Er hält sie für “nicht nachvollziehbar”, denn “eine Anfrage (…) sei vom Landesamt für Verfassungsschutz wunschgemäß beantwortet worden.”

Auch der damalige bayerische Innenminister Beckstein wies alle Vorwürfe zurück. Die Behörden hätten keinesfalls nicht ausreichend im rechten Milieu ermittelt: „Wer das behauptet, hat keine Ahnung“, sagte Beckstein. Das Gegenteil sei der Fall gewesen (Quelle: der Westen).

Diese Einschätzung wird widersprochen seitens des CDU-Abgeordneten Clemens Binninger, Unions-Obmann im Untersuchungsausschuss:

Es würde ihn „ratlos“ machen, warum das Bundeskriminalamt (BKA) mit „enormer Akribie“ versucht habe, die Theorie von Tätern mit fremdenfeindlichem Motiv zu widerlegen. Binninger wirft dem bayerischen Verfassungsschutz vor, „jede Eigeninitiative“ unterlassen zu haben und in seinen Akten nicht nach Erkenntnissen über einen rechtsextremen Hintergrund der Tötungsdelikte gesucht zu haben. (Quelle: Deutscher Bundestag)

Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy (SPD), Vorsitzender des Bundestagsuntersuchungs-Ausschusses, widerspricht der Aussage von Herrn Beckstein, die Täter hätten sich einfach zu gut versteckt (Quelle: Thüringer Allgemeine):

„Es war anders: Die Ermittler trauten damals Neonazis dieses Maß an Konspirativität einfach nicht zu. Das ist aber keine überzeugende Begründung dafür, dass man jahrelang stur in Richtung der sogenannten Ausländerkriminalität ermittelte und der rechtsextremistischen Spur nur oberflächlich und halbherzig nachging. Hier wurden massive Fehler gemacht. Beispielsweise wurde nach den Tätern nur im Großraum Nürnberg gesucht, obwohl die Morde in fünf Bundesländern stattfanden. Absurd!“

Man könne „noch nicht abschließend sagen“, ob „wirklich Fahrlässigkeit oder Böswilligkeit im Spiel“ gewesen seien, erklärte Edathy (Quelle: Thüringer Allgemeine).

Weitere „Pannen“

Die Analyse des amerikanischen FBI, wonach bei der Mord-Serie von einem fremdenfeindlichen Hintergrund auszugehen sei, kannte Geyer nicht. Offenbar hat sie das BKA nicht der Kommission übermittelt (Quelle: Deutscher Bundestag).

Nach Rücksprache mit dem bayerischen Innenministerium hätte man die Hypothese vom rechtsextremen Einzeltäter nicht öffentlich gemacht, um keine Hysterie unter türkischen Kleingewerbetreibenden auszulösen (Quelle: jw).

Phantombild Verdächtiger (Nr. 7)

Am 15.06.05 wurde Theodoros Boulgarides (Nr. 7) ermordet. Ein Mann, Mitte 30, 1,75 Meter, „soll zuletzt Kontakt mit dem griechischen Ladenbesitzer gehabt haben, der das siebte Opfer der Mordserie war.“ (Quelle: Spiegel)

Eine Zeugin sah zwei verdächtige Männer, einer schob ein Fahrrad, nach dem Mord in Dortmund an den Kiosk-Betreiber Mehmet Kubasik am 4.4.2006 (Nr. 8). Sie schätzte sie als Junkies oder Nazis ein. Diese Aussage wurde von Videoaufnahmen bestätigt – jedoch von der SoKo „Kiosk“ so nicht in die Ermittlungsakten aufgenommen, in den Akten wären lediglich zwei verdächtige „Junkie-Typen“ vermerkt worden (Focus).

„Clemens Binninger (CDU/CSU): Können Sie uns das einmal aufklären? Weil aus den Akten ist es auch nicht ganz klar. Sie sagt sehr früh: Ich habe Junkies gemeint; da haben Sie mich missverstanden. – Irgendwann später taucht wieder auf: Junkies oder Nazis. Dann beschreibt sie es aber wieder: Eher wie Junkies. – Können Sie versuchen, uns das aufzuklären, wie dieser Hinweis wirklich zu verstehen ist?“

Laut eines vertraulichen Berichtes der Soko „Bosporus“ hätten in vier der neun Mordfällen Zeugen zwei Männer auf Fahrrädern beobachtet (Quelle: SPON).

Stop der Ceska-Mordserie

Schließlich konnte die Soko Bosporus offenbar die Ceska-Mordserie stoppen. Experten gehen davon aus, weil man dem Täterkreis zu nahe kam: Im Zuge von Ermittlungen beim neunten Mordopfer wurde ein Verfassungsschutz-Mitarbeiter festgenommen (Siehe Artikel: („Über “Kleiner Adolf”, Mevlüt Kar und den Kiesewetter-Mord“). Daneben wurde auch nach einem Mann „südländischen Typs“ gefahndet, der zur Tatzeit vom Internetcafé quer über die vielbefahrene Holländische Straße in Richtung Kasseler Hauptfriedhof gelaufen sein soll (Quelle: Spiegel).

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