Archiv der Kategorie: Andreas Temme

Die Linke veröffentlicht Bericht aus dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss

Letzte Woche veröffentlichten die hessischen Linken ein Sondervotum zum Abschlussbericht des NSU- Untersuchungsausschusses im Hessischen Landtag. Der Ausschuss untersuchte den Mord an Halit Yozgat am 06.04.2006, der seit November 2011 einer rechtsterroristischen Organisation namens „National-Sozialistischer-Untergrund“ (NSU) zugeschrieben wird. Im Zuge dessen kam der (damalige) hessische Geheimdienstagent Andreas Temme wieder ins Kreuzfeuer der Ermittlungen. Ihm wird vorgeworfen, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein. Ich gehe auf verschiedene Ungereimtheiten im Sondervotum kritisch ein, Link zur hessischen Linken-Fraktion. Die Linke veröffentlicht Bericht aus dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss weiterlesen

Teil 5) Andreas Temme telefonierte nur „vermutlich“ „gegen 16:11“ mit Informanten Benjamin Gärtner

Mit der sogenannten „Selbstenttarnung des NSU“ Mitte November 2011 rückte die rechtsextreme Szene in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Kasseler Polizei führte daher in diesem Zeitraum einen „Abgleich der Telefondaten“ durch, mit folgenden Ergebnis:

Der hessische Geheimdienst-Agent Andreas Temme telefonierte mit seinem Informanten aus der rechten Szene, Benjamin Gärtner, um 16:11 von seinem Festnetzanschluss im Büro. Ein Bericht der Staatsanwaltschaft Kassel vom 04.01.2012 informiert:

„Neu bekannt wurde aufgrund einer erneuten Überprüfung der erhobenen Massendaten, dass vermutlich [geschwärzt] am Tattag gegen 16.11 ein weiteres Telefonat mit [geschwärzt] führte.“ (Bundestag, Anlage 58 – MAT A OLG-1, Sachakten, Ordner 145, Band 6.6, Ordner 4, S. 1-19)

„Dieser Abgleich war zum Zeitpunkt der Einstellung des Verfahrens gegen [geschwärzt] noch nicht möglich, da die Massendaten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung standen. Dieser Abgleich ergab ein Telefonat zum angegebenen Zeitpunkt zwischen dem Anschluss [geschwärzt] und einem Anschluss in der Außenstelle des Landesamtes für Verfassungsschutz.“ (ebd)

Es gibt bei dieser Darstellung Ungereimtheiten, die auch der zweite parlamentarische NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages nicht aufklärte: Teil 5) Andreas Temme telefonierte nur „vermutlich“ „gegen 16:11“ mit Informanten Benjamin Gärtner weiterlesen

Teil 3) Stellte Internetflirt TanyMany Geheimdienst-Agenten Andreas Temme eine Falle?

Ich vermutete in einem früheren Artikel, dass der (damalige) hessische Geheimdienst-Beamte Andreas Temme „reingelegt“ worden sein könnte. Betraten die Mörder das kasseler Internetcafe und erschossen den Betreiber Halit Yozgat just in dem Moment, als Temme mit seinem Auto wegfuhr? 

Nach meiner Einschätzung hätte der Iraker Hamadi Sh. die ideale Beobachterposition gehabt, das Opfer auszuspähen und den passenden Moment zum Angriff per Telefongespräch mitzuteilen. Er telefonierte nur 3-4 Meter neben Yozgat, als er erschossen wurde. Just in dem Moment als Temme das Cafe verließ, startete sein zweiter Anruf.

Wurde Temme beschattet?

Benjamin Gärtner war einer der Informanten Temmes. Sie trafen sich einige Tage nach der Ermordung Yozgats. Gärtner schildert seinen Eindruck:

„Mir fällt jetzt noch ein, dass der Alex [Aliasname Temmes] bei diesem Treffen besonders nervös war, weil er sonst sein Jackett auszog und über den Stuhl hängte. Bei diesem Treffen hat er das nicht gemacht. … Außerdem hat er sich dauernd umgeschaut. Für mich hatte das den Eindruck, dass er sich beobachtet fühlte.“ (Bundestag, erster NSU-Untersuchungsausschuss, Protokoll 27, S. 43) 

Wurde Temme von Hamadi Sh. beschattet?

Um 16:50 betrat Temme das Cafe und begab sich in den hinteren Bereich an einen Computer. Vier Minuten später, um 16:54, startete Hamadi Sh. vorne, direkt neben der Theke, sein erstes Gespräch. Er beendete es just um 17:01, als Temme das Cafe verließ. Daraufhin fing Hamadi Sh. sein zweites Gespräch an.

In den Anlagen des zweiten NSU-Bundestags-Untersuchungsausschusses fand ich Material, welches ausgerechnet Hamadi Sh. weiter ins Zwielicht rückt – er informierte nachweislich die Ermittler falsch!

Zwei im Cafe im hinteren Bereich sitzende Zeugen hörten verdächtige Geräusche, aber erst nachdem Temme seinen Computer um 17:01 verließ. Zum Beispiel hörte eine Person ein „dumpfes Geräusch“, aber erst „2-3 Minuten“ nachdem Temme seinen Platz verließ.

Ausgerechnet Hamadi Sh. will Schüsse kurz vor 16:54 gehört haben, als Temme noch im Internetcafe anwesend war. In einem Bericht der Staatsanwaltschaft Kassel steht, dass Hamadi Sh. …

„… unmittelbar zu Beginn seines Telefonates (um 16.54 Uhr) Knallgeräusche wahrgenommen habe. Kurz danach habe vermutlich eine Person das Internet Cafe verlassen.“ (Anlage 40, S. 11)

Seine Darstellung ist falsch, denn zu Beginn des ersten Gespräches war Yozgat noch am Computer aktiv.

„Bezüglich dieser Zeitangabe ist aber festzustellen, dass 50 Sekunden nach Beginn des ersten Telefonats von [geschwärzt], d.h. um 16.54.51 Uhr noch eine Action am PC des Getöteten (Aufruf einer Internetseite) erfolgte.“ (Anlage 58, S. 5)

Außerdem gibt es eine Zeugin, die Yozgat um 16:57 lebendig hinter dem Schreibtisch sitzen gesehen hat:

„Im Nachhinein konnte noch die Zeugin [geschwärzt] ermittelt werden. Sie (…) führte anschließend von ihrem Handy aus mehrere Telefonate. Eines dieser Telefonate führte sie in Höhe vom Internet Cafe. Sie wollte das Cafe betreten, um eine Telefonkarte zu kaufen, unterließ dies aber, weil das zu „schmuddelig“ auf sie wirkte. Durch die Schaufensterscheibe konnte sie einen Mann hinter dem Schreibtisch sitzen sehen. (…) Feststellungen ergaben, dass das besagte Telefonat der [geschwärzt] um 16.57 Uhr geführt wurde.“ (Anlage 40, S. 7)

Die Falschauskunft könnte dazu gedient haben, eine genaue Rekonstruktion der Tat zu vereiteln. Tatsächlich nahm die Sonderkommission einzig aufgrund der Aussage von Hamadi Sh. an, dass der Mord auch schon um 16:54 sich ereignet haben könnte. Des Weiteren nahm sie an, dass der Mörder nur ein kleines Zeitfenster von 40 Sekunden gehabt hätte, um nach 17:01 Yozgat unbemerkt zu erschießen. Hamadi Sh. sagte nämlich aus, dass er nach Beendigung seines zweiten Telefongespräches um 17:03:26 die Telefonkabine verließ und keine verdächtigen Beobachtungen machte. Er hätte Halit Yozgat vergebens bis zum Eintreffen dessen Vaters um 17:05 gesucht.

Warum ging Temme ins Internetcafe?

Temme stempelte sich gegen 16:45 von seiner Arbeitsstelle beim Amt für „Verfassungsschutz“ aus und sass seltsamerweise schon ein paar Minuten später im Internetcafe hinter einem Computer.

„Ich habe mich gegen 16:45 Uhr [im Büro] ausgestempelt. Um 16:50 Uhr hab ich mich [am PC im Internetcafe] eingeloggt und um 17:00 Uhr wieder ausgeloggt.“ (Zeugenaussage Temmes im NSU-Prozess, Wortprotokoll von Jürgen Pohl)

Nach Temmes Darstellung hätte er sich dort aus privaten Gründen aufgehalten, um mit einer Frau im Internet zu flirten.

… oder um Halit Yozgat zu ermorden?

Dies ist abwegig, denn Temmes Verhalten wäre sehr unvorsichtig gewesen. Er wäre mit der Waffe ins Cafe gegangen und hätte dort mit ihr erstmal 11 Minuten verbracht. Er war jedoch im Internetcafe seit Jahren persönlich bekannt und hätte daher damit rechnen müssen, gesehen und erkannt zu werden! Dann surfte er laut der polizeilichen Auswertung im Internet auf der Flirtseite „iLove.de“, wo er mit seiner Handynummer registriert war. Auf diese Weise konnte er von der Polizei auch aufgespürt werden.

Wer könnte Temme in die Falle gelockt haben?

Die Mörder hätten im Vorfeld wissen müssen, dass Temme ins Cafe fahren würde. Es ist unbekannt, ob er seinen Besuch jemand im Vorfeld mitteilte. Er chattete jedoch im Flirtportal laut Polizeiauswertung ab 16:50 mit der bis heute unbekannten „TanyMany”, für die sich seltsamerweise niemand interessiert. Dabei wäre sie eine wichtige Zeugin, da sie sich offenbar mit Temme verabredete. Die weitere Frage ist, warum die beiden schon nach 11 Minuten ihren Austausch wieder beendeten. 

Die Bundestagsabgeordneten des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses ignorierten die Möglichkeit, dass Temme in eine Falle gegangen ist. Es ist davon auszugehen, dass auch der hessische NSU-Ausschuss dementsprechend  ungenügend untersuchte und den Sachverhalt nicht beleuchtete oder gar aufklärte.

Wurde Andreas Temme hereingelegt?

Zurecht glaubt fast niemand die Darstellung des früheren hessischen Geheimdienstbeamten Andreas Temme. Als er am 6. April 2006 in einem kasseler Cafe im Internet surfte, hätte er nichts davon mitbekommen, dass der Betreiber Halit Yozgat erschossen wurde. Er hätte vergebens nach ihm gesucht, um zu zahlen, dabei lag das Opfer hinter der Theke. Zeitweise stand Temme unter Mordverdacht, aber welche alternative Hintergründe könnte es stattdessen geben? Wurde er reingelegt? Wurde Andreas Temme hereingelegt? weiterlesen

Polizeiliche Rekonstruktion basierte auf dubiosen Zeugen Faiz Hamadi Sh.

Die Frankfurter Rundschau berichtete heute über eine interessante Aussage eines „Polizeianalytiker aus Bayern“. Er verließ sich bei der zeitlichen Rekonstruktion ausgerechnet auf Angaben des höchst dubiosen Zeugen Faiz Hamadi Sh., der zeitweise unter Mordverdacht stand. Lediglich auf dessen Angaben aufbauend kam der „Polizeianalytiker“ zum Schluss, dass Temme während des Mordes im Internetcafe gewesen wäre. Polizeiliche Rekonstruktion basierte auf dubiosen Zeugen Faiz Hamadi Sh. weiterlesen

Teil 12) Abschließende Gedanken zu meiner Artikelserie zum Heilbronner Polizistenüberfall

Ich durchforstete die 54 Ermittlungsordner der Sonderkommission (Soko) Parkplatz nach Ungereimtheiten und veröffentlichte wichtige Ermittlungsfortschritte, die die Soko seit 2009 machte. Für mich wurde klar: Wenn die Soko nach 2011 hätte weiter-ermitteln dürfen, wären jetzt die Polizistenmörder gefasst. 

Es gäbe verschiedene „Anfasser“, konkrete Punkte, einer möglichen Weiterermittlung. Darüber machte ich sämtliche Abgeordnete per email aufmerksam, die im baden-württemberger NSU-Untersuchungsausschuss  sitzen. Ich erhielt von Grün bis AfD keine einzige Antwort, was ich gewohnt bin. Es passt ins Bild.

Statt konkreten Spuren zu folgen, tun die Staatsorgane, Polizei/Geheimdienst, Justiz, Politik, alles in ihrer Macht stehende, den Überfall den erschossenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bzw. der rechtsterroristischen „Terrorgruppe NSU“ irgendwie anzuhängen. Die Ermittlungsergebnisse, die die damaligen Sokos erzielten, sind heute nichts mehr wert und werden ignoriert, ja sogar als „rassistisch“ diffamiert. Teil 12) Abschließende Gedanken zu meiner Artikelserie zum Heilbronner Polizistenüberfall weiterlesen

40 Geheimdienst-Informanten bemerkten keinen rechtsterroristischen NSU

Der Journalist Andreas Förster fasst die vielen Informanten zusammen, die im persönlichen Umfeld des sogenannten „NSU-Trios“ sich aufhielten.

Dazu passt, dass nach dem 04.11.2011 und der sogenannten NSU-Selbstenttarnung der Geheimdienst „Verfassungsschutz“ hunderte Akten von Informanten schredderte. Trotz der negativen medialen Berichterstattung wurde die Aktion bis Juli 2012 durchgezogen.

Was jedoch hinter dieser Aktion steckt, ist bis heute unklar. Im Laufe der Jahre wurde jedoch die These widerlegt, dass eine Beteiligung oder Mitwisserschaft von Informaten an den sogenannten „NSU-Verbrechen“ vertuscht werden sollte. Der Grund:

Kein einziger Informant bestätigt in persönlichen Gesprächen mit Parlamentariern und Journalisten die Existenz einer rechtsterroristischen NSU-Kleinstzelle bzw. -Netzwerkes. Welcher Informant hätte sich die ausgelobte Belohnung von 300.000 Euro entgehen lassen?

Eine besondere Rolle unter den Informanten spielte Thomas Richter, alias „Corelli“. Von ihm stammte eine „NSU-CD“, die zwar keinen Zweifel an seiner rechtsextremen Gesinnung lässt, aber keinerlei Bezug zu den Ceska-Morden, Kölner Bombenanschlägen und Banküberfallen erkennen lässt, die heute dem NSU zugeschrieben werden. Bevor „Corelli“ zur CD befragt werden konnte, wurde er gleichfalls „geschreddert“, er wurde hochwahrscheinlich durch Rattengift umgebracht. Ähnlich verhält es sich zum „NSU-Manifest“, welches Beate Zschäpe zugeschrieben wird.

Daher ist davon auszugehen, dass die Vernichtung der Akten folgendem Zweck diente: Es sollten alle Bezüge von Informanten zu dem sogenannten „NSU-Trio“ vertuscht werden.

Hochwahrscheinlich ist, dass der Geheimdienst durch den 04.11.11 überrascht wurde, da erst ab dem 09.11.11 die Aktenzerstörung begann. Genau einen Tag vorher, am 08.11.11 wurde der „National-Sozialistische-Untergrund“ erstmals als Terrorgruppe und als Täter festgelegt, im Bundeskanzleramt während einer Lagebesprechung. Offensichtlich erging erst dann der Schredderbefehl. Das würde gegen eine Beteiligung des Geheimdienstes bei der sogenannten „Selbstenttarnung des NSU“ sprechen, ansonsten wäre es nicht zu dieser überstürzten Aktion gekommen.

Das Trio dürfte wahrscheinlich vom tiefen Staat 1998 in den Untergrund geschickt und dort unterhalten worden sein, um sie später als Sündenböcke für ungeklärte Verbrechen zu benutzen. Jedoch könnte nach dem letzten Mord eine andere Situation eingetreten sein: Der Geheimdienst fürchtete ab 2006, in den NSU-Strudel mitreingezogen zu werden, da am letzten Ceska-Tatort ein Geheimdienst-Beamter unter Mordverdacht geriet. Dies könnte ein Grund gewesen sein, eine „Selbstenttarnung des NSU“ seitdem abzulehnen.

NSU: Wurde Geheimdienstler Andreas Temme wieder beim Lügen erwischt?

Die Spiegel-Journalisten Gisela Friedrichsen berichtet über neueste Erkenntnisse im 9. Mordfall der Ceska-Mordserie. Die Anwälte der Familie des Mordopfers Halit Yozgat haben offenbar in Akten neue Informationen gefunden, die den damaligen Geheimdienst-Agenten Andreas Temme weiter belasten. Es wird zunehmend eng für ihn und seinen Schutzpatron Volker Bouffier (CDU). NSU: Wurde Geheimdienstler Andreas Temme wieder beim Lügen erwischt? weiterlesen