Fehler legt Zeugen-Manipulation der Soko Parkplatz nahe

Anfang 2015 schrieb ich einen Artikel über eine rätselhafte SMS, die Michele Kiesewetter (MK) vier Tage vor ihrem Tod geschrieben hätte: Sie wäre am 21.04.07 auf einer Beerdigung gewesen. Das Problem: Die Beerdigung fand laut Aussage ihrer Familie zwei Jahre davor statt! Ich deckte derart viele Ungereimtheiten in der Arbeit der Sonderkommission (Soko) auf, dass ich mir inzwischen folgende Erklärung ernsthaft vorstellen könnte: Die Soko beeinflusste vor der eigentlichen Vernehmung Zeugen und stiftete sie zu Falschaussagen an. Die Aussage wurde dann mit einer (teilweisen) erdichteten SMS bzw. Datumsangabe unterfüttert.

Um die Glaubwürdigkeit der teilweisen erdichteten „SMS-Daten“ zu erhöhen, sollte offenbar ein privates Ereignis eingeflochten werden. Dabei ist jedoch der Soko ein Fehler unterlaufen: Die Datumsangabe der Kiesewetter-SMS über die Beerdigung wurde falsch ausgelesen. Die (falsche) Darstellung wurde ausgerechnet von Kollegen bestätigt, die im Vorfeld bereits durch andere dubiose Aussagen aufgefallen sind, und die es eigentlich wegen ihres engen Kontaktes zu MK besser hätten wissen müssen. Es handelt sich in erster Linie um die damaligen Bereitschaftspolizisten Manuel B. (BFE Bruchsal) und Marcello P. (BFE Lahr). 

In den Ermittlungsakten befindet sich die Tabelle „SMS-Daten“. Dort steht, dass Michele Kiesewetter (MK) am Dienstag, 24.04.2007 um 20.10 Uhr an den Kollegen Patrick H. folgende SMS geschrieben hätte:

Naja, ging so. War Samstag auf der Beerdigung von nem Schulkollegen. War ganz schön heftig.“

Der von der Soko niemals vernommene Patrick H. war mit seiner Einheit BFE 522 am 23.04. in Heilbronn im Einsatz. MK kam erst im September 2005 zur Böblinger Bereitschaftspolizei. Die Frage ist, ob sie ihn im April 2005 überhaupt schon kennen konnte. 

Laut der Mutter fand die Beerdigung eines Schulfreundes von MK im Jahr 2005 statt! Wann genau, ist unklar. Ihre Aussage wird in den Ermittlungsakten wie-folgt wiedergeben:

Vor zwei Jahren sei ein ehemaliger Schulfreund bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.“

Der Besuch einer Beerdigung bzw. Trauerfeier ist unbekannt.

„Frage
Was hat sie an dem Wochenende hier gemacht?
Antwort
Sie war eigentlich nur bei uns, also bei der Oma und bei mir und dann noch bei der Peggy. Am Samstag ist sie ja schon wieder zurückgefahren.“

Was könnte also passiert sein? Mögliche Rekonstruktion

Der Soko ist einfach ein Fehler unterlaufen. Sie las die SMS, die im Handy von MK wohl seit zwei Jahren abgespeichert war, falsch aus;  Eine SMS, die Kiesewetter 2005 schrieb, wurde dem Jahr 2007 zugeordnet! Dieser Fehler zog sich dann dementsprechend auch bei den Aussagen der Zeugen durch, die angestiftet wurden, einen (falschen) Sachverhalt zu bestätigen.

Manuel B. (BFE Bruchsal)

Der neue Freund Kiesewetters wurde am 30.04.2007 befragt. Er traf sich mit MK am Samstag und Sonntag. Bei der Befragung erwähnte er den Besuch seiner Freundin bei der Beerdigung und führte sogar aus, dass MK ihm wörtlich gesagt hätte: 

„Das Einzige was ich (oder man) muss, ist Sterben.“

„Als sie mich an dem Wochenende besuchte, erzählte sie mir, dass die Mutter eines ehemaligen Schulkameraden sie beschuldigt hatte am Unfalltod ihres Sohnes mit Schuld zu tragen. Dieser war bei einem Motorradunfall verunglückt. Ich meine die Beerdigung war als sie jetzt zu Hause war. Diese Mutter hätte sich aber dann wieder entschuldigt. Michele erzählte, dass der Verunglückte wohl irgend etwas mit Drogen
machte und sie daraufhin die Freundschaft beendete.

Als er am 14.12.2010 wieder danach befragt wurde, konnte er sich nicht erinnern.

„Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern. Wenn ich es damals so angegeben habe, dann wird das so stimmen.“

Florian S. (BFE Bruchsal)

Er wurde am 02.05.2007 vernommen. Er besuchte zusammen mit MK ein Telekolleg. Sie hätte ihn per SMS benachrichtigt, dass sie am Samstag, 21.04.2007, nicht zum Unterricht kommen würde.

„Als Begründung schrieb sie, dass sie nach Thüringen gefahren ist. Dort war eine Trauerfeier oder Beerdigung.“

Der Grund, warum Mk tatsächlich nach Thüringen reiste, war, dass ihre Mutter am 18.04 Geburtstag hatte. Warum sollte sie darüber lügen?

Marcello P.

Frage:
Ist dir etwas bekannt geworden, dass Michele am Wochenende vor der Tat in Heilbronn in Thüringen auf einer Beerdigung war?
Antwort:
Ich kann mich ganz dunkel daran erinnern, dass sie irgendetwas von einem Unfall erzählt hat.“

Uwe B. (BFE 523)

Frage:
Ist dir bekannt geworden, dass Michele kurz vor der Tat auf einer Beerdigung eines Freundes oder Kollegen gewesen sein könnte, der bei einem Motorradunfall ums Leben kam.
Antwort:
Dass sie auf einer Beerdigung war, wusste ich. Aber bei wessen Beerdigung sie war, weiß ich nicht. Ich meine, dass vor der Tat irgendwann mal in der Gruppe davon gesprochen wurde, dass sie schlecht drauf ist und hier von einer Beerdigung gesprochen wurde. Konkretisieren kann ich es nicht.

9 Gedanken zu „Fehler legt Zeugen-Manipulation der Soko Parkplatz nahe“

  1. Grundsätzlich bezieht sich Glaubwürdigkeit immer auf Personen, Glaubhaftigkeit wertet dagegen deren Aussagen. Ein Beamter ist demzufolge glaubwürdiger als ein V-Mann. Ob die Aussage des Beamten dagegen glaubhafter ist als die des V-Manns, muss von Fall zu Fall beurteilt werden.

    Auch über den Ablauf einer Vernehmung scheint es Missverständnisse zu geben. Vorgespräche mit den Zeugen/ Beschuldigten zur Sache sind gestattet. Auch darf das angestrebte Vernehmungsziel bereits in diesen Vorgesprächen klar umrissen werden.

    Ich stimme zu, dass mit einem Großteil der Zeugenaussagen zum NSU etwas nicht stimmen kann. Ich stimme ebenenfalls zu, dass diese Widersprüche den Ermittlungsbehörden hätten auffallen müssen. Teilweise ist dies auch geschehen. Das die Soko in ihren Vernehmungen die Zeugen manipulativ beeinflusst hat, halte ich allerdings für ausgeschlossen. Ein Großteil der in dieser Sache lügenden Zeugen hat schlicht Angst und erzählt aus diesem Grund ansich hirnrissige Geschichten. Nicht jede Lüge ist als strategische Tarnhandlung zu interpretieren, um die eigene Tatbeteiligung zu vertuschen.

    1. Ich meine mit meiner Kritik die Arbeit der (ersten) Soko, der Jahre 2007-2009, danach arbeitete die Soko viel besser. Nur so kamen die Ungereimtheiten ja zum Vorschein.

      Es gibt noch eine Erklärung, auf die ich dank Deines Kommentars gekommen bin. Es könnte sein, dass die Soko einfach in die Befragungen selbstständig Sachverhalte reingeschrieben hat. Daraufhin fand ich einen Hinweis, den Thomas Moser herausgefunden hat:

      „So machte am Tag vor der Tat der Streifenbeamte Patrick H. zusammen mit seiner Kollegin Elke S. auf der Theresienwiese Pause. Wie Kiesewetter und Arnold gehörten auch die beiden zur Bereitschaftspolizei Böblingen.

      In den Ermittlungsakten steht dazu höchst Merkwürdiges. Angeblich soll Patrick H. in einer Vernehmung durch die Kriminalpolizei Heilbronn im Juli 2007 angegeben haben, am Tatort „noch nie Pause“ gemacht zu haben. H. erfährt von seiner angeblichen Aussage erst Jahre später, im Oktober 2010, als das Landeskriminalamt viele Polizisten noch einmal befragt. H. ist überrascht und bestreitet, die Aussage jemals gemacht zu haben. Damals sei er nicht einmal vernommen worden. Ist diese angebliche Vernehmung also konstruiert? Wenn ja, von wem und warum? Vielleicht, um davon abzulenken, dass der Anschlag gezielt Michèle Kiesewetter galt? (Thomas Moser, „Mord mit Merkwürdigkeiten„)

      Frage:
      In einer ersten Vernehmung gaben Sie an, am Tatort noch nie Pause gemacht zu haben. Dies widerspricht sich jetzt mit den gerade gemachten Angaben. Können Sie uns hierbei aufklären?
      Antwort:
      Dass Sie von einer ersten Vernehmung reden, verwundert mich jetzt ein wenig. Ich wurde noch nie vernommen. Es kann sein, dass ich mal einen Vermerk geschrieben hatte. Dessen bin ich mir jedoch nicht mehr ganz sicher. Zumindest habe ich mit der Kollegin S. über diese Möglichkeit diskutiert, ob wir einen Vermerk schreiben sollten, dass wir am Tag vor der Tat auf der
      Theresienwiese Pause gemacht hatten. Deshalb wäre es doch widersprüchlich, wenn ich in irgendeiner Vernehmung gesagt hätte, am Tatort noch nie Pause gemacht zu haben.
      Vermerk:
      Herrn H. wird die Kopie seiner Zeugenvernehmung vom 18.07.2007 vorgelesen. Er gibt an, sich nicht an eine Vernehmungssituation zu erinnern. Er bestätigt, dass es sich bei der Unterschrift des Vernommenen um seine Unterschrift handelt. Er beteuert trotzdem, nie vernommen worden zu sein.“

      Die Elke S. ist eine Thüringerin. Es gibt im Internet ein Foto von ihr mit dem damaligen CDU-Innenminister Geibert.

  2. Ich bezog mich auch auf die Arbeit der ersten Soko. Ich halte es grundsätzlich für absurd, dass „die Soko“ auf diese Weise konspirativ agiert.

    Zu fragen ist doch, was mit den angeblichen Lügen vertarnt werden soll und wieso „Die Soko“ damit ihr Unrechtsbewusstsein zum Ausruck bringen sollte. Unrechtsbewusstsein ist hier nicht mit einem schlechten Gewissen zu verwechseln. Jeder Diebstahl einer Tafel Schokolade wird getarnt, indem diese vor den Augen der Angestellten verborgen wird. Der Dieb offenbart mit der Tarnhandlung sein Unrechtsbewusstsein und zeigt, dass er bewusst geltendes Recht bricht.

    Übertragen auf Deinen Beitrag müsste demzufolge gefragt werden, ob hier tatsächlich eine Lüge im Sinne einer Tarnhandlung vorliegt, wer lügt und ob die Lüge überhaupt einen Bezug zur Tat aufweist und welcher das konkret sein soll.

    Mit „vielleicht, angeblich oder vermutlich“ kommst Du hier nicht weiter. Es ist auszuschließen, dass „die Soko“ als Ganzes in ein solch konspiratives Geschehen verwickelt ist.

    1. Deine Erklärung ist, dass die Wortprotokolle richtig sind, in dem Sinne, dass die Polizisten tatsächlich das gesagt haben, mit der Beerdigung. Deine Begründung leuchtet mir jedoch nicht ein, sie hätten Angst gehabt. Dann ist doch die Frage, wer ihnen Angst machte und warum. Dann kommt man automatisch zur Soko, die ja auch die (falsche) dementsprechende SMS in ihren Akten hat. Kann das Zufall sein? Die Zeugen lügen und die Soko hat die dementsprechende SMS?

      1. Es gibt dutzende Zeugen im NSU-Komplex, welche sich an frühere Aussagen aus Angst nicht mehr erinnern können. Paradebeispiel ist Gevorgyan. Erst in der PI Eisenach anrufen und eine verdächtige Person melden. Beim BKA dann garnicht vor Ort gewesen, sondern 80km weiter östlich gefahren sein wollen. Vom UA 6/1 als Zeuge geladen und nicht erschienen. Ordnungsgeld und Ordnungshaft wg Nichterscheinens vom UA beantragt. usw. Was will der Zeuge vor dem UA auch aussagen. Die welche ihn beeinflusst haben, zahlen ihm auch das Ordnungsgeld.

        Offensichtlich tarnt der Zeuge zwar mit seiner beim BKA getroffenen Aussage, die geradezu absurde Tathergangshypothese der Bundesanwaltschaft, aber

        1. ist diese Tarnung sicher nicht dem Umstand geschuldet, dass der Zeuge in das Geschehen direkt verwickelt ist, mithin tritt bei den Lügen des Zeugen auch nicht dessen Unrechtsbewusstsein zu Tage

        2. Vertuscht das BKA nichts, denn ohne das Vernehmungsprotokoll des BKAs könnte man den Sachverhalt garnicht offenlegen

        3. vertuscht der UA 6/1 nichts, denn denen ist offenbar der Sachverhalt auch aufgefallen und Ordnungshaft haben die meines Wissens nach noch nie gegen einen Zeugen beantragt.

        Die Parallelen zu Deinem oben geschilderten Fall sind offensichtlich. Das Motiv der Lügen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Angst. Die Soko-Parklatz würde ich jedenfalls nicht dafür verantwortlich machen.

  3. Aber das Beispiel zeigt doch explizit, dass der Herr Lehle genau richtig liegt. Im Original Funkspruch spricht der Herr G. von der Abfahrt Eisenach-Ost,Fahrtrichtung Mühlhausen. Nach dem Besuch vom BKA, spricht er dann angeblich von Neudietendorf, was ganz woanders ist. Meinen sie als Fernfahrer kennt er nicht den Unterschied? Also wer sonst, soll im das eingeflüstert haben, als das BKA? Die Beobachtung war also doch irgendwie wichtig oder warum kann man das dann nicht so stehen lassen?Na klar hat der Angst und erscheint nicht beim UA, aber der Grund liegt doch auf der Hand…..

    1. Die Überschrift lautet:

      „FEHLER LEGT ZEUGEN-MANIPULATION DER SOKO PARKPLATZ NAHE“

      Genau das sehe ich nicht. Die Soko-Parkplatz hat m.E. weder Zeugen manipuliert noch frei erfundene Vernehmungsprotokolle in den Ermittlungsakten platziert. Das von mir angeführte Beispiel zeigt eigentlich auch, warum das aller Wahrscheinlichkeit nach auszuschließen ist.

      1. Ich sehe keine Motivation der Zeugen (etwa Manuel B., Marcello P.), dass sie sich dieselbe hirnrissige Geschichte ausdenken sollen. Eine Erklärung wäre aber, dass die Geschichte von außen an sie herangetragen wurde. Dass die Soko dann dieselbe hirnrissige SMS in der Akte sogar zitiert, drängt doch den Verdacht auf sie selber als Urheberin. Sie hätte damit den von ihr zum Teil selbst erdichteten SMS Glaubwürdigkeit verleihen wollen, indem darin privates vorkommt.

        Woher sollte die Soko die SMS zitieren können, wenn im Handy Kiesewetters keine einzige SMS abgespeichert war? Dass das Handy von Patrick H. ausgewertet wurde, davon steht nichts in den Akten.

  4. @georg
    Solche Fehleranalysen haben das Problem, das wir nicht wissen, was alles noch in den anderen Akten steht. Gerade zu den Verbindungsnachweisen gibt es mehr. Denke an Frau Rieger, die da im UA gleich mal über zwanzig neue in den Ring warf.

    Fehler machen mehr Spaß, wenn man vorliegende Dokumente untersucht. Das Dokument als solches lässt sich dann nicht mehr weg diskutieren.
    Bezüglich der Frage ob Einsatz am Tattag von A. und K. nehme dir doch mal die beiden Einsatzbefehle von BFE und EZ vor. Die haben beide gemeinsame Unstimmigkeiten, neben der Einsatzzeit auch, dass sie bereits am 19.04 datiert sind und S. als Unterschrift. Geht so schon mal nicht.

    Aber der von der BFE 523 hat noch eine eigene Besonderheit … ;-). Sollten in den Akten noch andere Einsatzbefehle sein, wären die damit mal zu vergleichen. Ich könnte mir vorstellen, der von der BFE behält sein Alleinstellungsmerkmal.
    Dann wäre er gefälscht … ;-(

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