Teil 2) Hatte Wolfgang Geier Vorwissen über Schalldämpfer-Nutzung bei Ceska-Morden?

Der erste Teil zeigte auf, dass im Mai 2006 die „Einzeltäter“-Fallanalyse von der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) „Bosporus“ übernommen wurde. Im August 2006 trat deren Chef Wolfgang Geier in „Aktenzeichen XY – ungelöst“ auf, präsentierte die Studie der Öffentlichkeit, zusammen mit einer Ceska-Handfeuerwaffe auf der ein Schalldämpfer aufgeschraubt werden konnte. Laut seiner Angabe war er bereits Mitte 2005, nach dem fünften Mord, von der Schalldämpfernutzung informiert gewesen, im Gegensatz zum Bundeskriminalamt (BKA), dessen Gutachten vom 22.05.2006 datiert. Von wo hatte Geier die Information erhalten?

Während des NSU-Prozesse sagte am 21.05.14 der Waffensachverständige des BKA Ruprecht Nennstiel aus. Laut ihm fand das BKA erst nach dem achten Mord an Mehmet Kubaşık, 04.04.2006, heraus, dass sich an den Projektilen Aluminiumanhaftungen befanden. Die Anhaftungen rührten von einer Berührung des Projektils am Schalldämpfer her, der aus Aluminium war. Daraufhin wurden die Projektile der anderen Morde auch danach untersucht. Sie ließen sich bis zum fünften Mord an Mehmet Turgut in Rostock feststellen. Das BKA datierte das Gutachten auf den 22.05.2006.

„Ein am 22. Mai 2006 durch das BKA erstelltes kriminal-technisches Gutachten offenbarte, dass zumindest ab dem Mord an Mehmet Turgut in Rostock am 25. Februar 2004 (fünfte Tat) die Tatwaffe Česká 83, Ka. 7,65 mm, mit einem Schalldämpfer verwendet wurde. Die Anbringung eines Schalldämpfers setzt bei diesem Waffentyp einen verlängerten Lauf voraus, auf den der Schalldämpfer aufgeschraubt werden kann.“ ( Bundestag, PUA-Abschlussbericht, 2013)

Ruprecht Nennstiel:

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Diese Darstellung bestätigte ein weiterer Waffenexperte des BKA Leopold Pfoser. Erst im Jahr 2006 gab es den ersten sachlichen „Beweis für die Verwendung eines Schalldämpfers“.

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Auch der BKA-Beamte Christian Hoppe bestätigte die Darstellung – im Mai 2006 hätten sie vom Schalldämpfer gewusst:

„Wir haben dann im Jahre 2006, im Mai 2006, die Mitteilung von unserer Kriminaltechnik bekommen, dass mit ziemlicher Sicherheit ein Schalldämpfer verwandt wurde bei allen Taten, nachweisbar allerdings erst bei der Tat 5, meiner Erinnerung nach.“ (Bundestag)

Dagegen sagte der damalige Leiter der BAO Wolfgang Geier dem Bundestag, dass es bereits „Mitte 2005“ zu „intensivierten Ermittlungen“ nach Ceskas mit verlängerten Lauf kam. Der Grund war, dass nach dem fünften Mord die Schalldämpfernutzung „festgestellt wurde“. Die Ermittler hätten sich beim tschechischen Hersteller nach Ceskas mit verlängerten Lauf erkundet, auf dem Schalldämpfer aufmontiert werden können. Sie hätten jedoch erst Mitte 2007 „umfangreiche Auskünfte“ erhalten, davor wären sie „abgetropft“. Wolfgang Geier:

„Ich komme zur Waffenspur. (…)

Die bereits Mitte 2005 intensivierten Ermittlungen zu der Ceska 83 wurden mit dem zunächst gescheiterten Versuch, bei der Herstellerfirma Ceska in Uherský Brod, Tschechien, eine konkrete Auskunft über die Anzahl der hergestellten Ceska 83 mit verlängertem Lauf zu erlangen – – Diese Ermittlungen wurden ständig fortgeführt.“

„Wir haben natürlich in Tschechien ermittelt, und zwar ging es da ganz konkret um die Herkunft der Waffe: Wo ist die Waffe hergestellt worden? Wie viele gab es eigentlich von denen? – Die Möglichkeit der Waffenspur hat sich ja erst eröffnet, nachdem nach der fünften Tat 2005 in Rostock eben die Schalldämpfernutzung festgestellt wurde. Davor hatte ich Ihnen gesagt, es wurden bis zu 160 000 dieser Ceska 83 hergestellt. Erst dann, als man wusste, es gibt 55, die eine Besonderheit haben, diesen verlängerten Lauf als Gewinde für die Aufnahme eines Schalldämpfers, war die Spur ermittelbar, ein Erfolg versprechender Ansatz.

Dann sind wir zunächst einmal mit einem Rechtshilfeersuchen nach Tschechien gegangen. Da sind wir eigentlich, sage ich jetzt einmal, abgetropft; so muss man das tatsächlich sagen. Erst beim zweiten Rechtshilfeersuchen der Staatsanwaltschaft Nürnberg und durch diese sehr, sehr engagierte Ermittlungsrichterin aus Tschechien, die mit uns in die Firma gegangen ist und dort einmal anständig Druck gemacht hat, haben wir diese 55 Nummern der hergestellten Waffen auch bekommen, die uns dann letztendlich weiter ermitteln ließen.“ (ebd)

Es könnte erwidert werden, dass Geier sich nur schlecht ausdrückte oder eine falsche Erinnerung hatte. Jedoch steht im 33. Sachstandsbericht der BAO, datiert vom 26.08.2008, dass die Schalldämpfernutzung 2005 bewiesen wurde, nach den Mordfällen Boulgardides (15.06.2005) und Yasar (09.06.2005)! Es wurden dann rückwirkend die Projektile untersucht und festgestellt, dass auch beim fünften Mordfall vom 25. Februar 2004 „Abriebe“ bei den Projektilen vorhanden sind:

„Nach den Tötungsdelikten YASAR und BOULGARIDES stellte der Waffengutachter des BKA/KT 21, Herr PFOSER, Aluminiumanhaftungen an den Projektilen fest. Bei einem erneuten Vergleich aller gesicherter Projektile aus der Gesamtserie wurden diese Abriebe auch an der Munition im Fall TURGUT bestimmt. Dadurch steht fest, dass zumindest seit dem Fall Nr. 5 in Rostock ein Schalldämpfer benutzt wurde. (…) Diesbezüglich wird auf das Gutachten vom 03.05.2006 verwiesen.“

Quelle: nsu-leaks

In seiner Aussage vor dem Bundestagsausschuss sagte Geier, dass er Änderungen in der Medienstrategie der „Einzeltäter-Theorie“ veranlasste. Es sollte die Öffentlichkeit vom Schalldämpfer informiert werden. Der Täterkreis könnte sich in der Vergangenheit verraten haben, indem er dieses Täterwissen seinem Umfeld mitgeteilt hätte.

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Hatte Wolfgang Geier Vorwissen?

Es gibt weitere Hinweise auf ein mögliches Vorwissen:

In seinen Verbesserungen für die Medienstrategie regte Geier Mitte Juni 2006 an, dass die Ceska-Mordserie mit dem Bombenanschlag in der Keupstraße verglichen werden sollte.

„9. Die Medienstrategie
Am 12. Juni 2006 beauftragte der Leiter der BAO „Bosporus“, LKD Geier, die OFA Bayern ergänzend hinsichtlich folgender Punkte: (…)

5. Vergleichende Fallanalyse zwischen Mordserie und dem Nagelbombenattentat in Köln und sich daraus ergebende Ermittlungshinweise.“ (Bundestag)

Tatsächlich ging die „Einzeltäter“-Theorie davon aus, dass die rechtsextremen Ceska-Schützen auch Sprengstoff-Delikte begingen. Aber wie kam Geier ausgerechnet auf den Anschlag in der Keupstraße, der heute tatsächlich dem NSU zugeschrieben wird?

Einer Zeugin im Mordfall Yasar wurde bereits am 23. Mai 2006 Videoaufnahmen aus der Keupstraße vorgespielt, die die Bombenleger zeigen. Im Gegensatz zu einer anderen Zeugin vom Mordfall Yasar sah sie zwei hellhäutige Männer und identifizierte sie während des NSU-Prozess als Böhnhardt und Mundlos. 

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Zeitliche Übereinstimmung zwischen Erstellung der „Einzeltäter“-Theorie und dem „NSU-Bekennerfilm“

Harald Dern war ein Ermittler des BKA, der den sogenannten „NSU- Bekennerfilm“ analysierte. Im Comicfilm übernimmt Paulchen Phanther als NSU die Verantwortung für die Ceska-Mordserie und die Kölner Bombenanschläge. Das „NSU-Trio“ ist nicht zu sehen oder zu hören. Im Film wird die Ceska mit Schalldämpfer nicht gezeigt, sondern eine nicht identifizierbare Handfeuerwaffe ohne Schalldämpfer! Das würde dafür sprechen, dass nicht der Täterkreis für den Film verantwortlich war. Stattdessen könnten es „Trittbrettfahrer“ gewesen sein, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht von der Schalldämpfernutzung informiert waren.

Quelle: NSU-„Bekenner“film

Während Derns Aussage vor dem Baden-Württemberger NSU-Ausschuss sagte er, dass der sogenannte „NSU-Bekennerfilm“ „vor allem“ im Mai/Juni Jahr 2006 erstellt wurde, die „entscheidende Phase“ war „Februar/März 2007“!

Erst im August 2006 informierte Wolfgang Geier bei Aktenzeichen XY-ungelöst die Öffentlichkeit vom Schalldämpfer. Wurde die Szene mit der Handfeuerwaffe davor in den Film eingefügt?

Am 25.04.2007 hätte der NSU auch den Heilbronner Polizistenüberfall begangen. Im November 2007 wurde laut Dern dementsprechend im Film noch eine Eingangsfolie und Endfolie eingefügt, um sich dort zum Überfall zu bekennen. Im Sachbestandsbericht der BAO vom Mai 2008 steht, dass Wolfgang Geier einen Zusammenhang der Ceska-Mordserie und dem Heilbronner Polizistenübefall vermuten würde. Es wäre sein „Bauchgefühl“ gewesen.

b) Möglicher Zusammenhang der Mordserie mit der Tat in Heilbronn
Im Sachstandsbericht der BAO „Bosporus“ vom Mai 2008 wird erwähnt, dass u. a. ein Datenabgleich mit dem Mordfall in Heilbronn vorgenommen wurde. Der Zeuge Geier hat dies seinem „kriminalistischen Bauchgefühl“ zugeschrieben. Um alle Möglichkeiten auszuschließen, sei auch dies überprüft worden. Es hätte sich irgendeine Verbindung ergeben können, was aber nicht der Fall war.“ (ebd)

Könnte die BAO vom NSU informiert gewesen sein?

Unglaublicherweise hörten ausgerechnet 2008 auch die dem NSU zugeschriebenen Anschläge auf! Wenn die hier präsentierte Theorie richtig sein sollte, wäre die offene Frage: Warum kam es 2006-2007 nicht zu einer „Selbstenttarnung des NSU“? 

Angenommen Wolfgang Geier könnte wirklich Vorwissen gehabt haben, woher könnte sein Wissen herrühren? Erhielt er Informationen von bis heute unbekannten Informanten? Mehr dazu in Teil 3.

3 Gedanken zu „Teil 2) Hatte Wolfgang Geier Vorwissen über Schalldämpfer-Nutzung bei Ceska-Morden?“

  1. Es muss nicht zwangsläufig Vorwissen oder Informationen von Dritten gewesen sein, die Geier dazu veranlassten in eine andere Richtung zu ermitteln.

    War es nicht so das die BAO Bosporus schon sehr weit bis in den türkischen tiefen Staat (MIT) ermittelt hatte, da dann aber nicht weiter kam? Man wollte doch dann auch das die BAW in Karlsruhe die Ermittlungen übernehmen sollte. Diese wollte den Fall aber partou nicht übernehmen, wahrscheinlich weil man der Türkei als NATO Partner nicht zu nahe kommen wollte, damlas waren die Beziehungen ja auch noch deutlich besser und intensiver als heute.

    Und so drehten sich die Ermittlungen der BAO dann im Kreis und man kam nicht weiter, aber der Druck vergrößerte sich mit jedem weiteren Mord, auch der mediale Druck. Und so musste man dann wahrscheinlich einfach in die unmöglichsten Richtungen ermitteln, auch nach rechts. Obwohl es da keine Hinweise gab, aber man wollte ja nicht tatenlos rum sitzten.

    Diese „falschen“ Ermittlungen haben dann später vielleicht dazu geführt das der NSU geboren werden konnte.

    Die Frage die bleibt, ist die des Paulchen Videos, das kann aber schon im linken PKK nahen Milleu enstanden sein. Im Großen und Ganzen ist es nämlich schon sehr neutral gehalten, allein die Eingangs- und Ausgangssequenz deutet auf den NSU hin, ebenso dieses Standbild in der Mitte wo „…….komm zum NSU“ drauf steht. Diese Sequenzen konnte man aber beliebig verändern und den Endschuldigen anpassen.

  2. Warum auch in Richtung Nagelbombenattentat (Keupstraße) abgeglichen wurde ist im Sachstandsbericht 2008 einigermaßen plausibel dargelegt (s. 84 f.). Wie man aber auf den Polizistenmord in Heilbronn kam ist mir schleierhaft. Das erinnert an die „Vorahnung“ des Kollegen (?) von Frau Kiesewetters Onkel, dass die Tat etwas mit den „Türkenmorden“ zu tun haben könne. Irgendwas scheint da in Sicherheitskreisen schon kursiert zu sein, darauf scheint ja auch die in Teil 1 erwähnte Aussage von Konrad Pitz hinzudeuten.

  3. Es gab schon 2006 eine direkte Verbindung zwischen der KPI Gotha und der BAO Bosporus. Hülsen aus Gotha wurden im BKA untersucht. Kaliber passt. Die Steuerung erfolgte wahrscheinlich durch den Chef von Köllner und Knobloch., d.h., der KPI Leiter war auch noch 2011 derselbe wie 2006.

    Interessant ist auch, dass nach der Wende das TLKA unter der Geschäftsführung Bayerns aufgebaut wurde. Noch interessanter, wie sich dort das Personalkarussell mit immer den gleichen Personen über immer die gleichen Dienststellen dreht. Eine Art in sich geschlossener Regelkreis. Führt aber zu weit hier.

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