NSU: Anwohner aus Eisenach widersprechen Polizisten über Schüsse in Wohnmobil

Als am 04.11.11 der damalige Polizeichef von Gotha Michael Menzel ein Wohnmobil erreichte, kam er offenbar schnell zum Schluss, dass die beiden Insassen Selbstmord begingen. Die Einschätzung beruhte wahrscheinlich maßgeblich auf der Beobachtung zweier Streifenpolizisten, Uwe Seeland und Frank Mayer. Sie hörten Schüsse aus dem Wohnmobil und da sie keine dritte Person am Tatort sahen, war für Menzel der Fall offenbar klar. Der thüringer NSU-Untersuchungsausschuss (U-Ausschuss) befragte Mitte 2016 Anwohner, die die Darstellung der Polizisten jedoch in Frage stellen. Menzels Selbstmord-Festlegung, wenn er sie getroffen hätte, wäre auf tönernen Füßen gestanden, von Anfang an.

Laut Aussage der beiden Polizisten hätten sie am 04.11.11 nach einem Wohnmobil gesucht. Die Polizei vermutete, dass sich dort zwei Bankräuber aufhielten, die gegen 09:00 in Eisenach eine Sparkasse ausraubten. Obwohl die Ringfahndung um 11:30 aufgehoben wurde, fand die Streife kurz nach 12:00 zufälligerweise das Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda.

„Herr Mayer gibt an, dass die Ringalarmfahndung vielleicht schon aufgehoben war, die Fahndung aber noch nicht. “Für uns persönlich, für die PI Eisenach war die Fahndung noch nicht abgeschlossen”.

Zu Fuß näherten sich die Polizisten dem Wohnmobil. Als sie ein paar Meter davor standen, hörten sie einen Schuss. Sie bewegten sich daraufhin schnell auf die andere Straßenseite, um bei einem geparkten Auto und abgestellten Papiercontainer Feuerschutz zu finden. Noch während sie zur Deckung eilten, hörten sie einen zweiten Schuss. Hinter der Deckung angekommen, zogen sie ihre Waffen und hörten 10-15 Sekunden nach dem zweiten Schuss einen dritten. Ein Polizist sah, wie etwas „oben durch das Dach“ schoss. Alles spielte sich innerhalb 20 Sekunden ab. Die Polizisten nahmen kurz vor oder nach dem letzten Schuss wahr, dass das Wohnmobil brennt.

„Die Abg. König trägt aus dem Protokoll nochmal: 12.05 Uhr Ankunft. 12.07 Uhr Rauchwolken aus dem Wohnmobil.“ (haskala)

Während sie das Wohnmobil beobachteten, über Funk Verstärkung anforderten, wurden sie von zwei Personen gestört: Sie mussten einen älteren Mann wegschicken, der sein Auto vom Wohnmobil wegfahren wollte, und eine ältere Frau mit Hund.

Versteckter Text/Bild Zeigen

.Diese beiden Zeugen hörte der thüringer U-Ausschuss:

Der ältere Mann

Laut ihrer Vernehmung hätte Polizist Uwe Mayer erst nach dem letzten Schuss (…) einen aus der Haustür tretenden Passanten“ aufgefordert, „sich wieder in Hausinnere zu begeben.“ Er hätte sein Auto in Sicherheit bringen wollen. (Vermerk, BKA, 23.11.11)

Dieser Darstellung widerspricht der Zeuge:

Er wollte seinem behinderten Sohn das Essen bringen. Als er„zur Haustüre raustreten“ wollte sah er, wie zwei Polizisten „in unsere Richtung gesprungen sind, einer hinter einer Tonne (…), und der andere bei uns direkt vor die Haustür.“ Hinter der Deckung angekommen, sagte ein Polizist: „Bleiben Sie drin.“ Der Anwohner hätte „erst einmal gestutzt. Dann habe ich nacheinander drei Schüsse (…) gehört.“

„Die Abfolge der drei Schüsse (…) war (…) meines Erachtens länger, als das, was irgendwo mal in einem Protokoll angegeben wurde, 5-8 Sekunden oder 3 bis 15 Sekunden zwischen denen. Meines Erachtens war der Zeitraum länger, über eine Minute zwischen den Schüssen.“

In seinem Vernehmungsprotokoll werden die Schussgeräusche nicht erwähnt!

„Der Abg. Kellner (CDU) fragt noch einmal nach der Erwähnung der Schüsse in der polizeilichen Vernehmung. Der Zeuge erklärt: „Ich bin ganz sicher, dass ich bei der Aussage das mit den Schüssen sagte.“ Das Protokoll habe er zwar gelesen, „ich unterschreibe nichts, was ich nicht gelesen habe“, aber wenn der Protokollant die Schüsse nicht aufgeschrieben habe, dass sei ihm das beim Lesen nicht aufgefallen.“

Seine Aussage könnte im Sinne der Polizisten um-interpretiert werden: Die ersten beiden Schüssen wären gefallen, bevor er die Tür öffnete. Erst der dritte Schuss wäre abgefeuert worden, nachdem er aus der Tür herausgetreten war. Das Problem mit dieser Interpretation ist jedoch, dass ein weiterer Zeuge ihr widerspricht.

Laut eines Ohrenzeugen wären zuerst laute Männerstimmen zu hören gewesen und anschließend Schüsse. Zu dem Zeitpunkt war er mit seiner Frau auf dem Balkon:

„Die Geräuschfolge war aus meiner Sicht so, dass es zwei oder drei Schüsse waren, kurz darauf ging dann die Sirene im Ort, Feuer und so, und sahen dann hier unten die Rauchschwaden aufsteigen (…) meine Frau sagte mir dann noch, da hat jemand geschrien, also es klang wie ein Streit, es waren Männerstimmen auf jeden Fall, (…) wenn Männer sich anschreien dann, kurz darauf, fielen diese Schüsse, das war doch merkwürdig.“ (rtl)

Diese Zeugenaussagen können als Widerspruch zur Darstellung der Polizisten gewertet werden: Bei den Männerstimmen könnte es sich um die Aufforderung der Polizisten an den älteren Mann gehandelt haben, wieder ins Haus zu gehen („Bleiben Sie drin“). Das würde heißen, dass die beiden Polizisten schon in Deckung gingen, bevor überhaupt geschossen wurde.

Dame mit Hund

Laut Darstellung der beiden Streifenpolizisten kam die Frau „im Prinzip zwischen dem letzten Schuss und dem Eintreffen der Feuerwehr“. Sie hätten sie „weggeschickt“, „aus der Deckung heraus“.

Der thüringer U-Ausschuss befragte die sie. Auch ihre Aussage stellt die zeitliche Darstellung der Polizisten stark in Frage, die Schüsse hätten sich innerhalb 20 Sekunden ereignet.

Sie spazierte mit ihrem Hund und kam gerade nach Hause zurück, „als das Polizeiauto gekommen“ ist. Sie ging „ins Haus, habe meinen Mantel hingehangen und habe am Fenster geguckt.“ Sie sah die beiden Polizisten in Deckung gehen. Daraufhin holte sie ein Fernglas und dachte „drehen sie einen Film – oder?“ Sie rief eine Freundin an und erfuhr vom Banküberfall.

„Da bin ich durchs ganze Haus gelaufen und habe geguckt, ob da jemand ist, weil ich mich so unsicher fühlte, und ich habe dann auch noch eine Verpuffung gehört und dann brannte das. Das war wie so, als wenn im Ofen irgendwo was – ja so ein dumpfer Knall.“

Ihre verschiedenen Aktivitäten, in der Zeit nachdem sie die Polizisten in Deckung sah und sie den Knall hörte, waren: Beobachten, Fernglas holen, mit Freundin sprechen und Haus durchsuchen. Dies kann unmöglich innerhalb 20 Sekunden stattgefunden haben.

Es ist unklar, wann genau sie mit den Polizisten in Kontakt kam. Laut ihrer Darstellung „danach“: Höchstwahrscheinlich nachdem sie den (einzigen) Knall gehört hatte und das Wohnmobil zu brennen anfing. Sie habe „den gefragt, ob sie denn jemanden suchen.“ Die Frage ist, ob sie dafür nochmal ihren Hund mitnahm.

Versteckter Text/Bild Zeigen

Gab es einen „Hinweis“ auf das Wohnmobil?

Die beiden Polizisten sagten dem U-Ausschuss, dass sie bereits auf dem Weg zum Wohnmobil ihre „schusssicheren Westen“ angezogen hätten.

„Ach die haben wir unterwegs noch angezogen, wir sind von Waltershausen gekommen“. (ebd)

Die „welt“ schrieb, dass sie nicht zufälligerweise das Wohnmobil „fanden“, sondern gezielt dorthin beordert wurden!

„Es sollte ein ganz normaler Routineauftrag werden: Die beiden Polizisten Frank M. und Uwe S. fuhren gerade in ihrem Mercedes Vito Richtung Eisenach, als sie einen Funkspruch erhielten: Sie sollten ein verdächtiges Wohnmobil im Stadtteil Stregda kontrollieren, in dem zwei Bankräuber vermutet wurden.“ (welt)

Tatsächlich steht in einem Aktenvermerk der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge, dass das Wohnmobil „durch Polizisten auf Hinweis entdeckt worden“ wäre. Laut Protokoll der Baden-Württemberger Polizistin Sabine Rieger hätte Einsatzleiter Menzel in einer Lagebesprechung am 05.11.11 berichtet, dass nach den Schüssen ein Sondereinsatzkommando im Einsatz war.

Stefan Aust und Dirk Laabs waren vor Ort in Stregda. Sie schrieben im Buch „Heimatschutz“, dass der Brand von einer Anwohnerin bereits gerochen wurde, bevor die zwei Polizisten zum Wohnmobil kamen.

„Eine Anwohnerin schilderte allerdings den Autoren dieses Buches, dass sie an diesem Tag in ihrem Wohnzimmer im Erdgeschoss saß. Sie hörte Radio und roch plötzlich verbranntes Plastik. Sie ging daraufhin auf die andere Seite ihrer Wohnung, blickte aus dem Fenster und sah den brennenden Camper genau vor ihrem Fenster. Erst in diesem Moment, so erinnert sie sich, hält ein Polizeiwagen in der Seitenstraße. Auch dieser Widerspruch ist bislang nicht aufgeklärt worden.“ (google-books)

Der thüringer U-Ausschuss klärte den Widerspruch bis heute nicht auf, weil die Abgeordneten die betreffenden Zeugen ignorieren, nicht vorladen! Er erscheint, dass die thüringer Politiker sich auf die behördliche Darstellung eingeschworen haben.

Ein Gedanke zu „NSU: Anwohner aus Eisenach widersprechen Polizisten über Schüsse in Wohnmobil“

  1. „Die Geräuschfolge war aus meiner Sicht so, dass es zwei oder drei Schüsse waren, kurz darauf ging dann die Sirene im Ort, Feuer und so, und sahen dann hier unten die Rauchschwaden aufsteigen (…)“ – an der Stelle glaube ich, dass möglicherweise vor Ort eine „Alarmprobe“ stattfand. Für üblich erfolgt ein solcher Test um 12 Uhr mittags.

    Wäre für manch Aktion von Vorteil, wenn die Blicke gegen 12 Uhr in Richtung Sirene gelenkt werden und das WoMo gemütlich verlassen werden kann. „Desensibilisieren der Nachbarschaft“, kommt auch noch auf die Haben-Seite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.