Durch Zinsen und Marktmonopole werden Menschen heute ausgebeutet

In der Wirtschaftswissenschaft gibt es zwei ähnliche Richtungen: „Keynessianismus“ und „Freiwirtschaft“. Sie unterscheidet, was die ungerechte Vermögensverteilung, die Ungleichheit verursacht: Der Produktionsprozess oder der Finanzierungsprozess der Produktion sowie Einkünfte aus Monopolen. Damit sind „Renten“ aus den Faktor „Land“ gemeint.

Beispielsweise erkennt Heiner Flassbeck; er gehört zu den sogenannten „Keynessianern“, als eine wichtige Ursache, dass Arbeitnehmerlöhne nicht mehr mit den Produktivitätssteigerungen mitwachsen. Dagegen fordern Freiwirte wie Helmut Creutz eine Umlaufsicherung auf Bargeld und eine gezielte Besteuerung von Renten. Wer hat Recht?

Umverteilung durch Zinsen

Um diese Frage klar zu beantworten, wird zuerst zwischen zwei Arten von Kapital unterschieden: Es gibt das vom Unternehmer investierte Produktionskapital (Maschinen, Gebäude, Ausrüstungen), das mit Fremdkapital finanziert wird. Davon zu unterscheiden sind vom Unternehmer gekaufte sogenannte „Markteintrittsmonopole“, die mit Eigenkapital finanziert werden. Ein Monopol ist zum Beispiel Grund und Boden in bester Lage oder alles, was nicht beliebig (Patente, Liquidität, Standorte, Ölförderrechte) vermehrbar ist.

Und es gibt das Finanzierungskapital der Unternehmung. Für das Fremdkapital zahlt der Unternehmer Zinsen an die Bank. Außerdem kalkuliert der Unternehmer kalkulatorische Zinsen auf sein Eigenkapital als Kosten. Zinsaufwendungen sind Betriebsausgaben und schmälern den Gewinn.

Es handelt sich also um zwei grundlegend verschiedene Einkunftsarten: Der Gewinn des Unternehmers aus Unternehmertätigkeit sowie Zinseinkünfte der Vermögenden aus dem Geldguthaben. Trotzdem werden diese beiden Punkte als „Einkommen aus Kapital“ statistisch zusammengefasst und nicht auseinander-gehalten! Es gibt nur die Unterscheidung zwischen Einkommen aus Arbeit einerseits und Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Kapital andererseits.

Dabei wäre es von großem Interesse zu erfahren, ob die Gewinne aus Unternehmertätigkeit sinken, und welchen Anteil die Einkommen aus Zinsen haben.  Auch dem Wirtschaftsanalytiker Helmut Creutz liegt…

„… keine Unterlage vor, die Unternehmertätigkeit und Kapital getrennt ausweist. Aber vielleicht richten Sie diese Frage mal an das Statistische Bundesamt, das ja für die Ermittlung dieser Größen zuständig sein müsste??“

Viele Unternehmen sind heute hoch verschuldet. Laut der Konzernbilanz 2014 hat das Unternehmen „Daimler“ beispielsweise langfristige Schulden von rund 78 Euro, die kurzfristigen belaufen sich auf 67 Mrd. Der Daimler-Gewinn beträgt etwas über 7 Mrd. Euro.

Das ist keine Ausnahme: Berechnungen von Helmut Creutz zeigen, dass Unternehmen die Hauptlast des Schuldendienstes tragen. Die Schulden beliefen sich im Jahr 2010 auf fast 4 Billionen Euro! Dieser Betrag wäre auch noch zu gering angesetzt, da man …

„… alle nicht als Kapitalgesellschaften einzustufenden Unternehmen, also Personengesellschaften (…) in den privaten Sektor [verlagerte], was zu einer deutlichen und sachlich fragwürdigen Verschiebung zwischen den Sektoren Privat und Unternehmen führte.“ (Helmut Creutz, „Schulden in Deutschland„)

Angenommen der Zinssatz würde sich bei moderaten 2% bewegen, dann würden deutsche Unternehmen jährlich 80 Mrd. Zinsen bezahlen. Dieses Geld fehlt sowohl dem Unternehmer wie auch in der Lohntüte von Arbeitern und Angestellten. Aufgrund der Schuldenlast und der Zinszahlungen entsteht der Zwang, möglichst immer weiter zu wachsen, mithilfe von Marketing, geplanter Obsoleszenz.

Eine Grafik von Helmut Creutz bestätigt: Die Nettolöhne verringerten sich seit den 1970er Jahren im Zuge wachsender Verschuldung, die Bankzinserträge jedoch stiegen:

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Die prognostizierte Weiterentwicklung (gepunktete Linie) hat sich nicht bewahrheitet: Ab dem Jahr 2009 verringerten sich die Löhne nicht mehr und schafften schließlich sogar die Trendwende: Im Jahr 2014 waren die Nettolöhne sogar etwas höher als im Jahr 2000. 

Der Hintergrund ist, dass die europäische Zentralbank die Zinsen nach unten drückt, Stichwort „Leitzins-Senkung, Aufkauf von Anleihen“. Was passierte ab 2009 außerdem? Im Zug der Finanzkrise wird Deutschland weltweit als sicherer Hafen für Geldanlagen angesehen. Die Zinsen für deutsche Staatsanleihen sanken massiv.

Quelle: Sparkasse

Die Nettolöhne stiegen also, weil sich wegen der niedrigeren Zinsen dementsprechend auch die Zinszahlungen der Unternehmer verringerten. Siehe Grafik von Helmut Creutz, „Geldvermögen, BIP und Nettolöhne in Deutschland„.

Jede Zinssenkung entlastet Unternehmen, genauso Staat und Bürger.

„Denn das Gros der Haushalte wird durch jede Senkung der Zinsen – die wie gesagt in allen Preisen stecken – entlastet! Nachteile ergeben sich nur für das Zehntel der Gewinner Haushalte!“ (Helmut Creutz, „die erdrückende Last des Zinses„)

Das ist heute sichtbar:

Noch nie zuvor erzielte der deutsche Staat ein derart großes Haushaltsplus wie im ersten Halbjahr 2015: 21 Mrd. Euro. Die Medien vertuschen jedoch den Hintergrund und schreiben, dass das Plus der „guten Konjunktur“ zuzurechnen sei. Eine freche Lüge, betrug ja das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2015 lediglich 0,3%. Es soll offensichtlich die „Mär von guten Zins“ in der Bevölkerung aufrechterhalten werden.

Umverteilung durch Marktmonopole

Außerdem schaffen Markt-Monopole Ungleichheit. Darunter fällt etwa der Besitz von Grund und Boden. Es geht um den Produktionsfaktor „Land“ im weitesten Sinne.

Den Wert des Bodens schafft die Allgemeinheit, sie trägt den Aufwand der Inwertsetzung, den Gewinn die sogenannte „Rente“ erhält jedoch der Eigentümer, obwohl sie der Allgemeinheit zusteht. Der Eigentümer kann Marktteilnehmer dazu zwingen, ihm zum Beispiel für die Überlassung seines Grund und Bodens Pacht zu bezahlen.  In seinem Buch „Prinzip Rentenökonomie“ erklärt Prof. Dr. Dirk Löhr:

„Unter “Land” fallen “kritische Assets” wie Grund und Boden, Wasser, Patente, Liquidität. Löhr zählte folgende weitere “Markteintrittsmonopole” hinzu: Vorratsgründstücke, Ölförderrechte, CO2-Zertifikate. Dort gibt es eine “Schutzzone vor Wettbewerb”. Der Eigentümer verwehrt Konkurrenten den Zugang und erzielt monopolartige Gewinne. Entstehende Kosten werden auf die Allgemeinheit abgewälzt, etwa wenn das “Asset” dem Markt und der Allgemeinheit vorenthalten wird. Wir tragen diese “Verzichtskosten” – die “Kosten der Inwertsetzung” bringen hingegen Staat und Gesellschaft auf.“ (Friedensblick)

Die Freiwirtschaft schlägt vor, diese Rente abzuschöpfen, um staatliche Ausgaben zu finanzieren. Im Gegenzug könnten wirtschafts-schädliche Steuern gesenkt werden. Die Grund- und Bodeneigentümer wären entschädigungspflichtig zu enteignen, und die Nutzungsrechte der Markteintrittsmonopole meistbietend zu versteigern.

Hört sich utopisch an. Aber ein Schritt in die richtige Richtung wäre schon, wenn die Grundsteuer reformiert werden würde, so dass sich ihre Höhe am Bodenwert orientiert und nicht mehr am Wert des Gebäudes.

Wegen der heute geringen Zinsen werden Geldvermögen zunehmend in Grund und Boden investiert. Steigende Immobilienpreise und Mieten bestätigen das. Immobilienspekulationen etc. nehmen zu. Dahinter steckt die Suche nach arbeitslosen Einkommen. Dafür bieten Banken, Investmenthäuser ihre zunehmend unnütze Arbeit an.

Zusammenfassung

Folgende Grafik verdeutlicht die Marktkräfte. Sie baut auf die Theorie des Wirtschaftswissenschaftlers David Ricardo (1772-1823) auf. 

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Quelle: rent-grabbing, Prof. Dr. Löhr

Die waagrechte, nach unten verlaufende „Einkommens“-Linie beleuchtet die Einnahmen der Unternehmer: Je näher links am Zentrum, desto mehr. Je weiter weg, nach rechts im Grenzland, desto weniger Einkommen. Davon gehen „Löhne und Zinsen“ sowie „Fiskalsteuern“ ab.

Die „Renten“ sind zu unterscheiden vom Unternehmerlohn und ein zusätzlicher Gewinn, der in der Grafik als „sozialer Überschuss“ bezeichnet wird. Durch Fiskalsteuern finanziert der Staat sich selbst und die Infrastruktur. Löhne und Zinsen bedienen die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital.

In der Grafik gibt es zwei Bereiche mit leistungslosem Einkommen: Renten und Zinsen. Der Staat kann durch Steuern nur einen Teil der Renten abkassieren. Je höher die Fiskalsteuern (grüner Pfeil nach oben) sind, desto mehr werden Unternehmungen „im Grenzland“ unwirtschaftlich (grüner Pfeil nach links). Im Zentrum, ganz links, befindet sich die erfolgreichste Unternehmung, die sich das beste Markteintrittsmonopol aneignete.

Eine gezielte Abschöpfung der Rente (sozialer Überschuss), etwa durch eine Versteigerung der Nutzungsrechte, oder eine bodenwertbasierte Grundsteuer würde stattdessen die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch höhere Steuern vermeiden. Durch Verringerung der Steuern würden im Grenzland zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Fallbeispiel:

Ein Gasthaus steht direkt am Zentrum, am Marktplatz, und hat deshalb großen Erfolg, viele Touristen besuchen die historische Stadt und strömen am Marktplatz zusammen. Der Monopolist profitiert von der Existenz der jahrhunderte-alten Gebäude und der Geschichte (für die er aber nichts beigetragen hat). Je weiter ein anderes Gasthaus vom Marktplatz entfernt ist, desto weniger profitiert dieser Unternehmer davon.

Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer oder des Mindestlohnes würde diese benachteiligte Unternehmer wesentlich empfindlicher treffen als der Unternehmer mit dem Gasthaus am Marktplatz. Im schlimmsten Fall würden die abseits liegenden Gaststätten dichtmachen.

Ein weiterer Punkt wird durch obige Grafik klar: Löhne und Zinsen stehen in Konkurrenz miteinander. Nur mit gleichzeitigen Zinssenkungen könnten Löhne entsprechend steigen, ohne Probleme in der Realwirtschaft. Falls keine Zinssenkung erfolgt und die Löhne trotzdem steigen würden, dann würde dies unweigerlich zum Verlust von Unternehmen und Arbeitsplätzen führen.

Der Keynesianismus schlägt vor, Unternehmen höhere Löhne vorzuschreiben, Fiskalsteuern zu erhöhen und die Staatseinnahmen an die Armen zu verteilen. Es könnte so die Nachfrageseite gestärkt werden, aber nur auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit des Landes! Höhere Löhne und Steuern verteuern die in Deutschland angebotenen Produkte. Wegen der steigenden Preise würde die Nachfrage ausländische Angebote bevorzugen, der Effekt wäre dahin.

Eine Grafik von Helmut Creutz zeigt, dass nach Zeiten hoher Inflation und Zinsen die Arbeitslosigkeit ihre Höchststände hatte. Erkennbar wird die um zwei Jahre verzögerte Wirkung auch in Form steigender Firmenpleiten. In der Grafik verschob Creutz die Inflations- und Zinskurven einmal um zwei Jahre nach rechts“.

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Quelle: Humane Wirtschaft, Helmut Creutz, „Problemfeld Inflation

Marktwirtschaft wirkt immer zugunsten der knappen Produktionsfaktoren – und das war lange und ist weiter Finanzierungskapital, neben „Land“. Bargeld und Geldvermögen kann sich heute ohne Kosten entziehen, im Gegensatz zu Arbeitern und (zum Teil) Unternehmen.

Die Folge ist, dass Finanzierungskapital künstlich knapp gehalten ist und die Bedingungen diktiert. Mit einer Umlaufsicherung ist dieser Vorteil eliminiert, so dass – neben Land – Arbeit der knappste Faktor wird: Die Marktwirtschaft wirkt sich dann zugunsten des Faktors Arbeit aus. Durch geringere Zinsen machen Unternehmer mehr Gewinne, daher drängen mehr Unternehmer auf den Markt, Wettbewerb um Angestellte und Arbeiter entsteht, Arbeitslosigkeit sinkt und endlich steigen die Löhne marktgerecht. Aufgrund Vollbeschäftigung konkurrieren die Unternehmen um den Faktor „Arbeit“. Zusätzlich kann der Staat die Steuern senken, weil er sich sich durch die neutrale Steuer, die bodenwertbasierte Grundsteuer, finanziert.

In der Theorie geht also die Freiwirtschaft auf.

Die Frage ist jedoch, wie Sparer auf geringere Zinsen reagieren würden: Sie könnten ihre Guthaben auf ausländische Banken überweisen. Auf der anderen Seite würde gegen eine Kapitalflucht sprechen, dass ausländische Banken die umlaufgesicherte Währung nicht ohne große Abschläge annehmen würden. Auch ein schlechter Wechselkurs würde eine Kapitalflucht unrentabel machen. Eine negative Folge wäre aber, dass der Außenwert der umlaufgesicherten Währung zu gering wäre. Es könnte durch die Abwertung zu einer importierten Inflation kommen.

Kein Zweifel besteht jedoch darin, dass der Staat das umlaufgesicherte Geld als Zahlungsmittel durchsetzen könnte und es angenommen werden würde.

Eine Enteignung von Grund und Boden, auch mit Entschädigungen, wäre dagegen nur mit viel bösem Blut machbar, das zeigt die Menschheitsgeschichte. Kriege und Bürgerkriege drehten sich stets um die Verteilung des Landes. Eine bodenwertbasierte Grundsteuer wäre daher ein Schritt in die richtige Richtung.

2 Gedanken zu „Durch Zinsen und Marktmonopole werden Menschen heute ausgebeutet“

  1. Du versuchst es doch immer wieder mit deiner Geldentwertung. Argumentiert man dich zur Tür raus, bist du übers Fenster schon wieder drin … 😉

    Georg, so kann man Staubsauger an die Frau bringen, aber nicht Modelle diskutieren.
    Die Umlaufsicherung ist eine linke Nummer, die den Bürger noch stärker in den Konsum und damit in eine Abhängigkeit treiben soll.

    Vor allem ist sie nicht das Problem.
    Das Problem ist, das die Finanzwirtschaft sich von ihrer eigentlichen Funktion entkoppelt hat. Ihre Funktionalität besteht in der Sicherung der Warenwirtschaft. Sie ist ihr wertmäßiges Spiegelbild. Sonst nichts.
    Sie kann also selber keine Werte schaffen!

    Wenn Banken aber selber Geld drucken, zerstören sie das Spiegelabbild, sie werden Eigenständig, die Finanzwirtschaft übernimmt aus dem Nichts die Warenwirtschaft per Gelddruckmaschine. Firmen und Staaten werden unterworfen, große Teile des erwirtschafteten Mehrwertes als Zins einfach abgegriffen.
    Schon oft geschrieben, die Waffen dazu, die Derivate schwanken inzwischen um die 1000 Billionen Dollar. Diese künstliche Finanzkraft beherrscht jede Wertschöpfung, die kann dagegen gar nicht antreten.

    Es ist eine Strategie der globalen Unterwerfung, die allerdings wie jedes Schneeballsystem irgendwann zusammenbricht. Die globale Finanzblase platzt einfach, weil die fast alle hoch verschuldeten Banken wie Dominosteine umfallen werden.
    Irgendwann kippt der erste richtige Stein.

  2. Volle Zustimmung. Das Hauptproblem liegt bei Zocker und Co der „financial industry“.
    Das einzige was derzeit möglich ist, wäre eine Finanztransaktionssteuer für das „wall street Casino“.

    Auf den Wirt der im Zentrum ein Gasthaus betreibt zu schlagen ist der falsche Ansatz, auch wenn das „gerecht“ ist.

    Zudem.
    „Unter “Land” fallen “kritische Assets” wie Grund und Boden, Wasser, Patente, Liquidität. Löhr zählte folgende weitere “Markteintrittsmonopole” hinzu: Vorratsgründstücke, Ölförderrechte, CO2-Zertifikate. Dort gibt es eine “Schutzzone vor Wettbewerb”.
    W a s ist mit Wasser, Patenten, Liquidität plus den Markteintrittsmonopolen? Keine Steuer?

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