„Die schützende Hand“ Doku-Krimi mit verstörendem Wahrheitsgehalt

Gewohnt gut, der 8. Fall von Schorlau „Die schützende Hand„. Nachdem ich schon „Denglers 5. Fall: Das München-Komplott“ gelesen und rezensiert hatte, nun also wieder ein Dengler-Krimi. Dieses Mal noch aktueller, bezugnehmend auf den NSU, dessen Verbrechen selbst ein Bundestags-Untersuchungsausschuss, diverse weitere Ausschüsse, sowie ein Mammut-Prozess gegen eine der mutmaßlichen Beteiligten bisher nicht wirklich aufklären konnten. Oder vielmehr ständig neue Ungereimtheiten, angebliche „Inkompetenz“ und diverse bizarr anmutende „Zufälle“ ans Tageslicht brachten.

Schorlau konzentriert sich fast vollständig auf die Aktenlage der Todesfälle Mundlos und Böhnhardt sowie in etwas geringerem Umfang zum Mord an der Polizistin Kiesewetter. Nach der Aktensichtung ist klar, dass es so, wie offiziell geschildert, nicht gewesen sein kann- und dennoch wurden diese Lügen kritiklos bis in höchste Stellen und ohne geringsten Widerspruch vertreten, was Schorlau als ungutes Gefühl beschreibt.

Gut geschildert, wie Geheimdienste Geschichten spinnen, und wie dabei Fehler, Widersprüche und Ungereimtheiten auftauchen können.

Gut gemacht, wie er das Thema potenzielles Staatsverbrechen überhaupt erst denkbar macht, in dem er den alten Mentor von Dengler darüber philosophieren lässt, ob Staatsbedienstete so etwas machen würden, mit kleinem Rückblick auf Gladio.

Gut gemacht, wie Schorlau die Auswahl des Bundestagsuntersuchungsausschuss-Vorsitzenden andeutet- nach dem Edathy-Kinderbild-Skandal wohl tatsächlich nicht so sehr aus der Luft gegriffen. Auch zu den Todesfällen F.H. und „Cörelli“ schreibt Schorlau nicht einmal, dass er dahinter staatliche Instanzen verortet, durch die Einbindung entsprechende Kapitel entsteht natürlich dennoch dieser Eindruck beim Leser, ganz so wie in der Realität. Diese Todesfälle sind einfach „too much“.

Außerdem super gemacht, das Thema Tribun und Vasall USA und Deutschland, ergänzt durch Wissen dank Snowden und Foschepoth. Und, dass die USA auch „Honey-Pots“ in Deutschland betreiben, damit deren Geheimdienste an die entsprechenden Szenen andocken können. Klingt plausibel.

Gut gemacht ebenso, die Theorienfindung, warum Angeklagte vor Gericht schweigen, welche Gründe diese aus seiner Erfahrung meist hat, und die Kleinigkeiten, auf die man achten sollte, etwa das gute Verhältnis der Staatsanwaltschaft mit Sturm/Stahl&Heer, dem ursprünglichen Dreierteam von Zschäpes Verteidigern.

Und schlußendlich, das einzige Mal, wo Schorlau wirklich „rumspinnt“, ist seine Theorienbildung zum tatsächlichen Ablauf im Camper in Eisenach-Stregda am 4.11.2011. Diese erscheint hundert Mal plausibler als all das, was wir bisher dazu gehört haben- erklärt auch annähernd perfekt die Widersprüche, Ungereimtheiten, nicht beachteten Zeugenaussagen, die den Tag des Auffliegens der NSU begleiten. Schorlau hat sich dabei auf das Wesentliche konzentriert- und gut 3 Dutzend weitere Ungereimtheiten in Sachen NSU gar nicht tiefer nachverfolgt, sondern höchstens in einem Nebenstrang eines thüringisches LKA-Beamten angedeutet (etwa: wie gingen die in den Untergrund, wieso wurden Haftbefehle zur Weihnachtszeit ausgesetzt und dann ausgerechnet für die drei nicht wieder eingesetzt, und weitere schützende Hand-Maßnahmen inkl. der Andeutung, Zschäpe wäre Informantin des VS gewesen). Wer sich noch nicht tiefer mit der NSU beschäftigt hat, bekommt einen wirklich guten Überblick.

Die Private Ebene von Dengler und seinem Umfeld tritt gegenüber dem 5. Fall sogar noch etwas zurück, ist aber als wohltuender Begleiter gut in die Rahmenhandlung eingebettet und an einer Stelle zumindest etwas komisch, wie Denglers Freundin die Obduktionsberichte ergattert.

100.000 Leser in einer Woche, hoffen wir, dass es 500.000 insgesamt werden, das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Ich mag den Schorlau. Wie er schreibt, wie er denkt, seine politische Position. Bodenständig, staatskritisch, herrschaftskritisch. Ein Intellektueller, wie ich ihn mir wünsche.

Was Dengler wohl erzählen könnte, wenn er zu 9/11 nachforschen würde, und auf seinen „Kollegen“ „Patrick O’Sullivan“ aus meinem Roman „Nanospuren“ stoßen würde, was der so alles vor 9/11 erlebt hat? Hoffentlich nimmt sich Schorlau eines Tages auch mal die Ungereimtheiten dazu vor.

Eine fiktive Aufbereitung eines Themas bedeutet nicht, dass alles Fiktion ist. Dies ist nur der Wunschglaube oder besser das, was einige gerne glauben wollen oder glaubend gemacht werden sollen. Die Phantasten sind doch diejenigen, die meinen, nur weil es fiktiv daherkommt, können die behandelten Fakten auf keinen Fall der Wahrheit entsprechen, weil „Die so etwas nicht machen würden“ (kategorisch, a priori) oder „Irgend jemand davon berichtet“ hätte oder andere, naive Weltvorstellungen. 

Wolgang Schorlau: „ein Bekannter von mir ist Schriftsteller. Er schreibt Romane. Es sei ihm noch nie gelungen, in der ersten Auflage einen fehlerfreien Roman in die Buchhandlungen zu bekommen. Sobald das Buch verkauft wird, trudeln bei ihm E-Mails der Leser ein: ein Rechtschreibfehler hier, ein fehlendes Komma dort, vielleicht sogar ein logischer Bruch in der Geschichte. Er korrigiert das in der nächsten Auflage.

Auch Geheimdienste erzählen uns Geschichten, sie inszenieren Geschichten. Manchmal gelingen sie, manchmal gehen sie schief […] Und im Unterschied zum Schriftsteller hat der Dienst nur einen einzigen Versuch […] passieren den Diensten beim Erzählen Fehler, kleine Fehler vielleicht, der Zeitablauf passt nicht, oder eine Patronenhülse zu viel liegt herum. Solche Fehler sind unvermeidlich […] doch wenn der Rest der Geschichte gut erzählt ist, glaubt das Publikum die Erzählung […] Nur ein paar Miesepeter stochern dann noch in den Details herum.“ (S. 188 – 189).“

Diese existieren vor allem deswegen, weil die fiktiv aufbereitete Wahrheit so verstörend ist, dass man sie nicht wahrhaben will. Auch etwa der Mitvorsitzende des US-Senats/Kongress-Reports über 9/11, Bob Graham, hat beispielsweise einen „Roman“ herausgebracht, der „Keys to the kingdom“ heißt, welcher fiktiv aufbereitet, was in seinem Sachbuch „Intelligence Matters“ kaum jemand interessierte.

Daher ist die fiktionale Aufbereitung nur eine FORM, wie man ein Thema zum Rezipienten transportiert (vgl: Satire, etwa ZDF- Die Anstalt), gibt aber keinen Aufschluss darüber, wie fiktiv nun eine Geschichte wirklich ist, zumal wenn wir hier, der Autor Herr Schorlau glaubhaft versichert, die dahinter liegenden Fakten sorgfältig studiert zu haben, und sogar eine Quellenverweis-Liste mit drucken lässt. 

Ich denke: Geheimdienstler meinen oftmals besser zu verstehen, was gut für das Volk (oder sie selbst?) wäre, als der vom Volk gewählte Souverän, wie Helmut Schmidt einmal in einem Interview sagte. Dabei litten sie unter einer Krankheit, weil sie das nicht öffentlich machen könnten. 

Man muss sich nur mal in die Position der (Geheim-)Dienste versetzen und kann schon deren Frohlocken vernehmen, wenn so ihre Untaten vor weiterer Entlarvung geschützt werden. Eine dieser Untaten war bis vor kurzem noch Verschwörungstheorie, die globale Überwachung von Allem. Erst Snowden hat das weitgehend bekannt gemacht, obwohl es vorher schon andere Whistleblower und öffentliche Untersuchungen dazu gab (EU-Echelon).

Eine andere Methode, die auch dank Snowden bekannter wurde, ist die öffentliche Meinungsbeeinflussung durch Geheimdienste.

Eine dritte, bisher wenig aufgeklärte Methode sind Anschläge unter falscher Flagge im Rahmen einer Strategie der Spannung oder als Alimentation der Dienste, die nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Existenzberechtigung schwinden sahen.

Wer denkt, all das gäbe es nicht, ist der wahre Phantast und glaubt offenbar naiv an Geheimdienst-Gespinnst einer heilen Welt, in dem Geheimdienst-Schurken nur in Fiktion daherkommen, und dort das Gute immer siegt, ganz so wie bei James Bond. 

Der NSU ist im Kern eine Geheimdienst-Schöpfung. Daher all die Ungereimtheiten und Lügen und die ständig beschworenen Euphemismen „Zufälle“, „Inkompetenz“ oder „Ermittlungspannen“.

2 Gedanken zu „„Die schützende Hand“ Doku-Krimi mit verstörendem Wahrheitsgehalt“

  1. Da kann ich nur zustimmen: gutes Buch. Sachbuch eher als Roman, aber die Romanhandlung leistet wertvolle Dienste bei der schwierigen Aufgabe, das Nazi-Tabu zu entsorgen, damit der Autor ungestört an die Fakten ran gehen kann.
    Das drumherum (Regierungserpressung, Pontius Pilatus, Omani, …) ist plausibel erfunden und erinnert stark an Dinge, die man auch woanders schon lesen durfte. Allerdings schafft es Schorlau, das Ganze mehrheits- und linkskompatibel rüberzubringen. Großes Lob!
    Und siehe da, eine positive Besprechung gibt es auch von Thumilan Selvakumaran:
    http://www.swp.de/ulm/nachrichten/kultur/Wolfgang-Schorlau-mit-Denglers-achtem-Fall;art4308,3555067
    Es bringt einfach nichts, einen Journalisten zu beschimpfen, der (wegen seiner eigenen Einwanderungsgeschichte durchaus verständlich) der Staatsversion vom NSU zeitweise ziemlich aufgesessen ist. Der Mann ist aber nicht böswillig, sondern durchaus aufgeschlossen für eine bessere Version der Ereignisse. Schorlau hat gezeigt, wie man sie ihm nahe bringt.

  2. „Auch Geheimdienste erzählen uns Geschichten, sie inszenieren Geschichten.“

    Richtig, eine ganze Branche lebt davon und zwar erfolgreich: Spin doctor (Filmtipp: wag the dog) und zwar völlig skrupellos. Die PR-Branche und Medien eifert mittlerweile dieser Form der Emotionalisierung von Geschehnisse nach. Darin liegt die Kritik und nicht einer vermeintlichen „Gleischschaltung“ von Medien, mit höherem Auftrag.

    Die VT liegt aber in der Motivwahl begründet. Meist liegt kein „tieferer“ Sinn in den Inszenierung oder geheime Zusammenschlüsse/weltumherrschende Bündnissse, sondern ganz profane Gründe und private Motive. Die Banalität des Bösen (frei nach H. Ahrendt).

    Für viele reicht es aus, z. B. den Beamtenstatus zu verlieren, um etwas „laufen“ zu lassen, auch wenn andere zu Tode kommen.

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