Die Blutspur des IWF – „Katastrophen-Kapitalismus“, Teil 2

Der erste Teil der Buchzusammenfassung stellte dar, wie sich die Ideologie des „freien Marktes“ von Milton Friedman durchsetzen konnte – es nahm den Umweg über den Internationalen Währungsfond (IWF) und Weltbank. Heute verfolgt die westliche Politik  deren Ratschläge als „alternativlos“. Dies ist verwunderlich, da die Reformen stets zum wirtschaftlichen und sozialen Niedergang eines Großteils der Bevölkerung beitragen. Es ist eine schockierende Blutspur, die Naomi Klein in ihrem Buch „Die Schock-Strategie, Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ aufzeigt. Der demnächst erscheinende dritte Teil spekuliert über die wirklichen Hintergründe dieses globalen Siegeszuges.

In den 70er Jahren und frühen 80er Jahre schien es, dass Friedmans Ideologie nur mit Gewalt in einer Diktatur durchgesetzt werden kann. Jedoch setzte sich der „Katastrophen-Kapitalismus“ auch in Demokratien durch. Dies ist möglich, indem Friedmans Ideologie als modern, als wissenschaftlich fundiert und „normal“ dargestellt wird. So kündigte der griechische Regierungschef Antonis Samaras an, dass sein Land 2014 „wieder an die Märkte“ zurückkehren und den Weg zurück zu einem „normalen Land“ einschlagen werde (welt). Dafür nimmt er die Verelendung seiner Landsleute in Kauf. Diese Schocktherapie wird seit Jahren durch den IWF verabreicht.

„Die Vertreter der Weltbank und des IWF hatten schon immer politische Empfehlungen unterbreitet, wenn sie Kredite vergaben, aber in den frühen achtziger Jahren verwandelten sich diese Empfehlungen, begünstigt durch die Verzweiflung der Entwicklungsländer, in radikale Forderungen hinsichtlich des freien Marktes. Wenn krisengeschüttelte Länder sich wegen Schuldenerlassen und Notkrediten an den IWF wandten, antwortete dieser mit durchgreifenden Schocktherapie-Programmen (…). Davison Budhoo, ein leitender IWF-Ökonom, der in den den gesamten achtziger Jahren Strukturanpasssungsprogramme für Lateinamerika und Afrika entwarf, räumte später ein:

„Alles, was wir von 1983 an taten, basierte auf unserer neuen Mission, dass der Süden „privatisiert“ werden oder sterben müsse; im Hinblick darauf haben wir in den Jahren 1983 bis 1988 schändlicherweise in Lateinamerka und Afrika das totale wirtschaftliche Chaos angerichtet.“ S. 230, (Fußnote 1)

Den Wählern Sand in die Augen zu streuen, ist nichts neues. Es gibt eine ganze Reihe von demokratisch gewählten Regierungen, die am Ende die Hoffnungen ihrer Wähler enttäuschten.

Bolivien

Ein Beispiel ist die Kehrtwende des 1985 zum Präsidenten gewählten Victor Paz Estenssoro.

„Paz war das Gesicht der developmentalistischen bolivianischen Reformpolitik, er hatte die großen Zinnminen verstaatlicht, Land an indianische Bauern zu verteidigen begonnen und das Wahlrecht aller Bolivianer verteidigt. (…) Während des Wahlkampfes 1995 gelobte der alternde Paz Treue gegenüber seiner „nationalrevolutionären“ Vergangenheit (…). Er war kein Sozialist, aber er war auch kein Neoliberaler Chicagoer Prägung – glaubten die Bolivianer jedenfalls.“ S. 204 (Fußnote 2).

„Nach 17 Tagen hatte Planungsminister Bedregal den Entwurf einen schulbuchmäßigen Schocktherapieprogramms fertig. Es sah die Streichung von Lebensmittelsubventionen vor, die Aufhebung fast aller Preiskontrollen und eine Ölpreissteigerung um 300 Prozent. (3) Obwohl das Leben in einem bereits bitterarmen Land dadurch erheblich viel teurer werden würde, fror der Plan die staatlichen Gehälter für ein Jahr auf ihrem ohnedies niedrigen Niveau ein. Er verlangte auch, die Regierungsausgaben stark zu kürzen, Boliviens Grenzen für unbeschränkte Importe zu öffnen und die Staatsunternehmen zu verkleinern – ein deutlicher Vorbote der Privatisierungen.“ S. 207

„Vor allem gab es den Haken, dass Präsident Paz von den bolivianischen Wählern offenkundig nicht den Auftrag bekommen hatte, das gesamte Wirtschaftsgebäude des Landes umzumodeln. Er hatte einen devlopmentalistischen Wahlkampf betrieben, und dieses Programm gab er dann abrupt bei Hinterzimmergesprächen auf. Einige Jahre später prägte der einflussreiche Marktwirtschaftler John Williamson für das, was Paz tat, den Ausdruck „Vodoo-Politik“, die meisten Menschen nennen das einfach „lügen“. Doch das war keineswegs der einzige Haken bei dem angeblichen demokratischen Wandel.

Wie abzusehen war, reagierten viele von Paz‘ Wählern wütend auf seinen Verrat, und sobald der Erlass verkündet war, gingen Zehntausende auf die Straßen und versuchten einen Plan zu verhindern, der Entlassungen und Hunger bedeuten würde. Den Hauptwiderstand leistete der größte Gewerkschaftsbund des Landes. Er rief einen Generalstreik aus, der die Industrie zum Stillstand brachte.

Paz‘ Reaktion ließ Thatchers Vorgehen gegen die Minenarbeiter harmlos erscheinen. Er erklärte auf der Stelle den „Belagerungszustand“, und Armeepanzer rollten durch die Straßen der Hauptstadt, über die eine strenge Ausgangssperre verhängt wurde. (…) Das ganze war eine „Junta light“. (…) Das harte Durchgreifen der Regierung Paz ging damals durch die internationale Presse, doch man berichtete nur ein oder zwei Tage lang von allgemeinen Aufständen in Südamerika. Als es dann Zeit war, vom Triumph der „liberalen marktwirtschaftlichen Reformen“ in Bolivien zu erzählen, fanden jene Ereignisse keinen Eingang in die Schilderungen (genau wie allzu oft die Symbiose von Pinochets Brutalität und Chiles „Wirtschaftswunder“ weggelassen wird). S. 216

Polen

„Über Polen kam die Schocktherapie zwar nach Wahlen, aber jedem demokratischen Verfahren spottete das Hohn, weil es voll und ganz dem Wunsch der überwältigenden Wählermehrheit zuwiderlief, die für Solidarnosc gestimmt hatten. Noch 1992 waren 60 Prozent der Polen gegen die Privatisierung der Schwerindustrie. (…)

Sie löste eine umfassende Depression aus: In den zwei Jahren nach der ersten Reformrunde ging die Industrieproduktion um 30 Prozent zurück. Aufgrund der Sparmaßnahmen der Regierung und der ins Land strömenden billigen Importe schoss die Arbeitslosigkeit in den Himmel; 1993 lag sie in einigen Gegenden bei 25 Prozent (…). Nach den neuesten Zahlen der Weltbank hat Polen eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent – die höchste in der Europäischen Union.“ S. 267

„Zur dramatischen Abfuhr kam es am 19. September 1993: Eine Koalition von Linksparteien, darunter auch die früheren Kommunisten (…) gewann 66 Prozent der Sitze im Sejm. Solidarnosc war bereits in sich bekämpfende Flügel zersplittert; die einstige Gewerkschaftsbewegung kam auf weniger als fünf Prozent und verlor im Parlament ihren offiziellen Parteistatus (…). S. 269

Adam Michnik, einer der anerkanntesten Solidarnosc-Intellektuellen sagte später verbittert: „Das Schlimmste am Kommunismus ist das, was danach kommt.“ S. 249

Großbritannien

„Die Wohnungsverkäufe waren zwar ein Hoffnungsschimmer, eine stramm rechte Wirtschaftspolitik in einer Demokratie zu etablieren, aber Thatcher schien weiterhin dazu verdammt, nach bloß einer Amtszeit ihren Job zu verlieren. 1979 hatte sie mit dem Slogan „Labour funktioniert nicht“ Wahlkampf betrieben, bis 1982 aber hatte sich die Zahl der Arbeitslosen und auch die Inflationsrate verdoppelt (4). S. 191

„Die Zustimmungsraten zu ihrer Regierung insgesamt war sogar auf 18 Prozent gesunken. (5)  (…) Unter solch schwierigen Umständen schrieb Thatcher an Hayek und informierte ihn höflich, dass eine Umwandlung im Stil von Chile in Großbritannien „ziemlich inakzeptabel“ wäre. (…)

Sechs Wochen nach Thatchers Brief an Hayek passierte etwas, das sie umdenken ließ und auch das Schicksal des korporatistischen Kreuzzugs änderte:

Am 2. April 1982 besetzte Argentinien die Falklandinseln, ein Relikt der britischen Kolonialherrschaft. (…) Der Falklandkrieg gab Thatcher die politische Deckung, ein Programm der radikalen kapitalistischen Umwandlung zum ersten Mal in einer liberalen westlichen Demokratie durchzusetzen. S. 193 (…) Berühmt wurde ihr Ausspruch:

„Wir mussten auf den Falklands den äußeren Feind bekämpfen, und jetzt müssen wir gegen den inneren kämpfen, was viel schwieriger, aber für die Freiheit genauso gefährlich ist.“ S. 195

Da britische Arbeiter jetzt zu „inneren Feinden“ erklärt waren, ließ Thatcher die volle Staatsgewalt auf die Streikenden los; so wurden bei einer Gelegenheit überwiegend berittene, Schlagstöcke schwingende Bereitschaftspolizisten entsandt, um eine Streikpostenkette zu durchbrechen, wobei es rund 700 Verletzte gab. Im Verlauf des langen Streiks stieg die Zahl der Verletzten in die Tausende.“ S. 195

„In Großbritannien baute Thatcher ihre Siege auf den Falklands und über die Bergarbeiter zu einem großen Sprung nach vorn für ihre radikale ökonomische Agenda aus. “ S. 196

Argentinien (1989-1999)

„Argentinien – zu dieser Zeit „Musterschüler“ des IWF – bietet abermals einen erhellenden Einblick in die Mechanismen der neuen Ordnung. Nachdem die Hyperinflation Präsident Alfonsín zum Rücktritt gezwungen hatte, wurde er durch Carlos Menem ersetzt, Peronist und Gouverneur einer kleinen Provinz, der Lederjacken und lange Koteletten trug und zäh genug schien, sowohl dem immer noch gefürchteten Militär als auch den Kreditgebern die Stirn zu bieten. Nach all den gewaltsamen Versuchen, die Peronistische Partei und die Gewerkschaftsbewegung auszulöschen, hatte Argentinien jetzt einen Präsidenten, der in seinem gewerkschaftsfreundlichen Wahlkampf versprochen hatte, Juan Peróns developmentalistische Wirtschaftspolitik wiederzubeleben. In diesem Moment kamen viele der Emotionen auf, die auch Paz‘ Amtseinführung in Bolivien ausgelöst hatte.

Zu viele, wie sich herausstellte. Nach einem Jahr im Amt und unter enormen Druck des IWF schlug der Präsident den Kurs einer trotzigen „Voodoo-Politik“ ein. Menem, der als Symbol der Partei gewählt worden war, die sich gegen die Diktatur stellte, berief Domingo Cavallo zu seinem Wirtschaftsminister und brachte damit den Mann zurück an die Macht, der in der Junta-Ära offiziell dafür verantwortliche war, die Schulden der Unternehmen zu erlassen – das Abschiedsgeschenk der Diktatur. S. 232 (6)

„Seine Ernennung war das, was Ökonomen eine „Signal“ nennen – in diesem Fall ein unmissverständliches Zeichen, dass die neue Regierung das von der Junta gestartete korporatistische Experiment aufgreifen und fortsetzen würde. Die Börse in Buenos Aires reagierte darauf mit dem Äquivalent stehenden Beifalls: Um 30 Prozent schoss der Handel an dem Tag in die Höhe, an dem Cavallos Name verkündet wurde. (7)

Cavallo rief sofort ideologische Verstärkung herbei und stockte die Verwaltung mit ehemaligen Studenten von Milton Friedman und Arnold Harberger auf. So gut wie alle wirtschaftspolitischen Spitzenpositionen des Landes wurden mit Chicago Boys besetzt:“ S. 232

„Anfang der neunziger Jahre verkaufte der argentinische Staat die Reichtümer des Landes so rasch und so vollständig, dass das Projekt bei weitem das übertraf, was ein Jahrzehnt zuvor in Chile geschehen war. Bis 1994 waren 90 Prozent aller Staatsunternehmen verkauft (…). Inmitten des Umbaus veröffentlichte das Magazin Time eine Titelgeschichte über Menem, auf dem zugehörigen Foto grinst sein Gesicht aus dem Zentrum einer Sonnenblume heraus, und die Schlagzeile darüber lautete „Menems Wunder“. S. 235 (8)

„Im Januar 2006, als Cavallo und Menem schon lange nicht mehr im Amt waren, erfuhren die Argentinier überraschende Neuigkeiten. Es stellte sich heraus, dass der Cavallo-Plan überhaupt nicht von Cavallo stammte und auch nicht vom IWF: Das gesamte Schocktherapieprogramm in Argentinien Anfang der neunziger Jahre war insgeheim von JP Morgan und Citibank geschrieben worden, zwei der größten privaten Kreditgeber des Landes.“

„Auf lange Sicht erwies sich das Cavallo-Programm insgesamt als Katastrophe für Argentinien. Seine Methode zur Währungsstabilisierung – den Peso an den US-Dollar zu koppeln – machte die Produktion von Waren im Land selbst so teuer, dass lokale Fabriken nicht mehr mit den billigen Importen konkurrieren konnten, die das Land überschwemmten. Auf diese Weise gingen so viele Arbeitsplätze verloren, dass gut die Hälfte der Bevölkerung schließlich unter die Armutsgrenze geriet.“ S. 235

Folgende Dokumentation veranschaulicht den Niedergang Argentiniens als Musterschüler des IWF.

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 Quelle: youtube

Russland

„Gorbatschow wusste, dass sich die von der G7-Teilnehmern und dem IWF angeratene Schocktherapie nur mit Gewalt durchsetzen lassen würde – wie das auch vielen im Westen klar war, die eine solche Politik forderten. In einem vielbeachteten Artikel forderte „The Economist“ Gorbatschow 1990 auf, als „starker Mann“ zu regieren, „den Widerstand zu zerschlagen, der eine ernsthafte Wirtschaftsreform blockiert.“ S. 306 (9).

„Nur zwei Wochen nachdem das Nobelpreiskomitee das Ende des Kalten Krieges verkündet hatte, drängte The Economist Gorbatschow, sich einen der berüchtigsten Killer Epoche zum Vorbild zu nehmen. Unter der Zwischenüberschrift „Michail Sergejewitsch Pinochet?“ kommt der Artikel zu dem Schluss, dass die Befolgung seines Rates „möglicherweise Blutvergießen“ bedeuten würde, „das könnte, wohlgemerkt könnte, für die Sowjetunion zum Wendepunkt dessen werden, was man den Pinochet-Ansatz in der liberalen Wirtschaftspolitik nennen würde.“

Die „Washington Post“ ging sogar noch einen Schritt weiter. Im August 1991 veröffentlichte das Blatt einen Kommentar unter der Überschrift „Pinochets Chile – ein pragmatisches Beispiel für die Sowjetwirtschaft.“ Darin wurde ein Putsch befürwortet, um den zu langsam vorgehenden Gorbatschow loszuwerden (…). S. 306 (10)

„Boris Jelzin war russischer Präsident, hatte aber längst nicht dasselbe Ansehen wie Gorbatschow, der das Staatsoberhaupt der gesamten Sowjetunion war. Doch am 19. August 1991 (…) änderte sich das gründlich. Eine Gruppe als der alten kommunistischen Garde ließ vor dem Weißen Haus, dem russischen Parlamentsgebäude, Panzer auffahren. Um den Demokratisierungsprozess aufzuhalten, wollten sie das erste frei gewählte Parlament des Landes angreifen. Aus einer Menge von Russen heraus, die entschlossen waren, ihre neue Demokratie zu verteidigen, kletterte Jelzin auf einen der Panzer und verurteilte die Aggression als einen „zynischen rechten Putschversuch.“ S. 306 (11)

Die Panzer zogen sich zurück, und fortan galt Jelzin als mutiger Verteidiger der Demokratie (…) das machte ihn zumindest für den Moment zu einem Volkshelden. 307

„Nach Gorbatschows Rücktritt warteten die „Reformer“ nur eine einzige Woche, bis sie ihr wirtschaftliches Schocktherapieprogramm starteten (…). Am 28. Oktober 1991 verkündete Jelzin die Aufhebung der Preiskontrollen und versprach: „Die Liberalisierung der Preise wird alles zurechtrücken.“ S. 310 (12) Jelzin machte wüste Versprechen:

„Für annähernd sechs Monate wird es schlechter werden“, aber dann würde die Genesung einsetzen und Russland schon bald ein wirtschaftlicher Titan sein und zu den vier größten Volkswirtschaften der Welt zählen. S. 312 (ebd)

„Das Schocktherapieprogramm sah auch Freihandelspolitik und die erste Phase der raschen Privatisierung von annähernd 225 000 Unternehmen in Staatsbesitz vor.“ (13)

„Wegen ihrer Vorliebe für kataklysmische Revolutionen nannte Stiglitz die russischen Reformer Marktbolschewisten. S. 311 (14)

Während die echten Bolschewisten jedoch fest vorhatten, ihren zentral geplanten Staat auf den Ruinen des alten aufzubauen, glaubten die Marktbolschewisten an so etwas wie Magie: Wenn optimale Bedingungen für das Profitmachen geschaffen werden, würde sich das Land ohne jede Planung selbst neu aufbauen.“ S. 312

„Diese Logik der sogenannten kreativen Zerstörung führte dazu, dass es überall an allem mangelte und es zu einer Zerschlagungsspirale kam. Nach nur einem Jahr hatte die Schocktherapie einen verheerenden Tribut gefordert:

Millionen Russen aus der Mittelschicht hatten mit der Wertminderung des Rubels ihre Lebensersparnisse verloren, und aufgrund abrupter Subventionskürzungen erhielten Millionen von Arbeitern monatelang keinen Lohn. S. 312 (15)  Der durchschnittliche Russe konsumierte 1992 40 Prozent weniger als 1991, und ein Drittel der Bevölkerung rutschte unter die Armutsgrenze ab. S. 312 (16)

Südafrika

„Wie in Bolivien, wo das Schocktherapieprogramm mit all der Heimlichkeit einer verdeckten Militäroperation ausgearbeitet worden war, wusste in Südafrika nur eine Handvoll von Mbekis engsten Mitarbeitern überhaupt, dass ein neues Wirtschaftsprogramm in Arbeit war – eines, das sich stark von all den Versprechen unterschied, die während es Wahlkampfes 1994 gemacht worden waren. (…) Im Juni 1996 legte Mbeki die Ergebnisse vor: Es war ein neoliberales Schocktherapieprogramm für Südafrika, das mehr Privatisierung verlangte, Einschnitte bei den Regierungsausgaben, „Flexibilisierung“ der Arbeit, freieren Handel und noch weniger Kontrolle des Kapitalverkehrs. Gelb zufolge bestand das übergeordnete Ziel darin, „potenziellen Investoren zu signalisieren, dass die Regierung (und speziell der ANC) sich der vorherrschenden orthodoxen Lehre verpflichtet fühlen.“ S. 292 (17)

„Um sicherzustellen, dass die Botschaft auch laut und deutlich bei den Börsenhändlern in New York und London ankam, witzelte Mbeki bei der öffentlichen Vorstellung des Plans: „Nennt mich einfach einen Thatcheristen.“ (18)

„Die Entscheidung des ANC, weiterhin die Schulden [des vorherigen Apartheit-Regime] zu bedienen, machte Aktivisten wie Brutus so wütend, weil sie mit jeder Rate ein spürbares Opfer verlangt. Zwischen 1997 und 2004 verkaufte die südafrikanische Regierung beispielsweise 18 Unternehmen aus dem Staatsbesitz, was vier Milliarden Dollar einbrachte, aber fast die Hälfte des Geldes ging in den Schuldendienst. S. 296 (19)  

Anders ausgedrückt: Der ANC brach nicht nur Mandelas ursprüngliches Versprechen – „die Verstaatlichung der Minen, Banken und Monopolindustrien“ -, sondern tat wegen der  Schulden auch das genau Gegenteil: Er verkaufte staatliche Aktivposten, um die Schulden seiner Unterdrücker abzuzahlen.“ S. 296

– Seit 1994, als der ANC an die Macht kam, hat sich die Anzahl der Menschen verdoppelt, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen – von zwei Millionen auf vier Millionen im Jahr 2006. S. 299 (20)

– Zwischen 1991 und 2002 hat sich der Arbeitslosenanteil schwarzer Südafrikaner mehr als verdoppelt – von 23 auf 48 Prozent. (21)

– Von den 35 Millionen schwarzen Staatsbürgern Südafrikas verdienen nur 5000 über 60.000 Dollar pro Jahr. Die Anzahl der Weißen in diesem Einkommenssegment liegt zwanzigmal höher und viele verdienen noch weit mehr als diesen Betrag. (22)

– Die ANC-Regierung hat 1,8 Millionen Häuser gebaut, aber in derselben Zeit verloren zwei Millionen Menschen ihr Zuhause. (23)

– Im ersten Jahrzehnt der Demokratie mussten fast eine Million Menschen zwangsweise ihre Farmen räumen. (24)

– Aufgrund dieser Zwangsräumungen müssen mittlerweile 50 Prozent mehr Menschen in Hütten leben. Im Jahr 2006 wohnten mehr als 25 Prozent der Südafrikaner in einem „wilden“ Elendsviertel, viele davon ohne fließend Wasser oder Elektrizität. (25)

„Diese Frage stellte ich William Gumede, ANC-Aktivist der dritten Generation, während der Übergangszeit Führer der Studentenbewegung und daher in jenen wilden Umbruchjahren auf der Straße. „Alle schauten auf die politischen Verhandlungen“, erzählte er und bezog sich dabei auf die Gipfelgespräche zwischen de Klerk und Mandela. (..)

„Aber das war nicht der wirkliche Kampf – der wurde über die Wirtschaft geführt. Und ich bin wirklich von mir selbst enttäuscht, dass ich so naiv war. Ich dachte, ich hätte genügend politische Erfahrung, um diese Dinge zu durchschauen. Wie konnte mir das entgehen?“ S. 285

Irak

„Bremer machte kein Geheimnis aus seiner Abneigung gegenüber der „stalinistischen Wirtschaft“ des Irak, wie er die Staatsbetriebe und großen Ministerien nannte, und bedachte die speziellen Fähigkeiten und das in Jahren angesammelte Wissen der irakischen Ingenieure, Ärzte, Elektrotechniker und Straßenbauer mit Geringschätzung. S. 490 (26)

„Der weithin am ehesten als Bumerangeffekt dieser Art verstandene Vorgang wurde durch Bremers erste wichtige Verfügung ausgelöst: die Entlassung von rund 500 000 Staatsbediensteten, in der Mehrzahl Soldaten, aber auch Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Ingenieure.“ S. 490

„Diese ideologische Verblendung hatte drei konkrete Folgen: Sie erschwerte den Wiederaufbau, weil qualifizierte Beschäftige ihrer Ämter enthoben wurden; sie schwächte die Stimme der weltlich ausgerichteten Iraker; und sie nährte den Widerstand, indem sie ihm zornige Menschen zutrieb. S. 490 (…)

„Die Wirtschaft ist der Hauptgrund für den Terrorismus und den Mangel an Sicherheit.“ S. 496

„Parallel dazu erzürnte Bremer mit der Entscheidung, die Grenzen nach den klassischen Vorstellungen der Chicagoer Schule für unbeschränkte Importe zu öffnen und ausländischen Unternehmen den hundertprozentigen Besitz irakischer Unternehmen zu erlauben (…). S. 491 (…) Wie in der Aufhebung aller Handelsbeschränkungen, so sahen viele Iraker auch in Bremers Plan zur Privatisierung der 200 irakischen Staatsunternehmen einen weiteren kriegerischen Akt der Vereinigten Staaten. S. 492

„Am Ende unseres Gesprächs fragte ich Mahmud, was geschähe, wenn die Fabrik trotz dieses Widerstands verkauft würde. „Da gibt es zwei Möglichkeiten“, erwiderte er mit einem freundlichen Lächeln. „Entweder wir zünden die Fabrik an und brennen sie bis auf die Grundmauern nieder, oder wir sprengen uns mit ihr in die Luft.“ S. 493

„Als dann Zehntausende von ausländischen Arbeitskräften ins Land strömten, um sich bei den beauftragten ausländischen unternehmen zu verdingen, erblickten die Einheimischen darin natürlich eine Erweiterung der Invasion.“  S. 496

„Die Bush-Administration machte sich sogleich daran, ein radikales neues Erdölgesetz für den Irak entwickeln zu lassen, das es Unternehmen wie Shell und BP ermöglichen sollte, Verträge mit dreißigjähriger Laufzeit zu schließen, mit denen sie sich große Teile der Gewinne aus der irakischen Ölförderung sichern konnten – Profite, die sich insgesamt auf zig oder sogar Hunderte Milliarden Dollar belaufen -, ein unerhörter Vorgang in einem Land mit so großen so leicht erschließbaren Ölreserven und zudem eine Regelung, die den Irak zu fortwährender Armut verdammt, da 95 Prozent der Staatseinnahmen vom Erdöl abhängen.“ S. 526 (27)

„Das vom irakischen Kabinett im Februar 2007 verabschiedete Gesetz ist sogar noch schlimmer als befürchtet. Es setzt dem Anteil der Gewinne, die ausländische Gesellschaften aus dem Irak transferieren können, keinerlei Grenzen und gibt auch nicht vor, in welchem Umfang ausländische Investoren mit irakischen Unternehmen zusammenarbeiten oder auf den Ölfeldern irakische Arbeitskräfte einsetzen müssen. Vor allem aber schließt es, und das ist am unverfrorensten, die gewählten irakischen Volksvertreter von jeder Mitbestimmung bei der Ausgestaltung künftiger Ölverträge aus.“ S. 527  (28) 

Chile

„Dieser Krieg – den viele Chilenen verständlicherweise als einen Krieg der Reichen gegen die Armen und die Mittelschicht sehen – ist die wahre Geschichte von Chiles „Wirtschaftswunder“. Als sich im Jahr 1988 die Wirtschaft endlich stabilisiert hatte und rasch wuchs, lebten 45 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. S. 124 (29)

1 Davison L. Budhoo, Enough Is Enugh: Dear Mr. Camdessus … Open Letter of Resignation to the Managing Director of the International Monetary Fund, Vorwort von Errol K. McLeod (New Yourk: New Horizons Press, 1990), 102

2 Catherine M. Conaghan und James M. Malloy, Unsettling Statecraft: Democrazy and Neoliberalism in the Central Andes (Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 1994), 127

3 Alberta Zuazo, „Bolivian Labor unions Dealt Setback“, United Press International, 9. Oktober 1985; Juan de Onis, „Economic Anarchy Ends“, Los Angeles Times, 6. November 1985)

4 Kevin Jefferys, Finest & Darkest Hours: The Decisive Events in british Politics from Churchill to blair (London: Atlantic Books, 2002, 208

5 Die Zahlen basieren auf einer MORI-Umfrage (Gallup sah thatcher bei 23 Prozent

6 Herasto Reyes, „Argentina: historia de una crisis“, La Prensa (Panama City), 12. Januar 2002

7 Nathaniel C. Nash, „Turmoil, then Hope in Argentina“, New York Times, 31. Januar 1991

8 „Menem´s Miracle, Time International, 13. Juli 1992

9 „Order, Order: Can Mikhail Gorbachev Deliver the Sowjet Union from Chaos without Restoring Centralised Autocrazy?“, The Economist 22. Dezember 1990

10 Ibid.; Michael Schrage, „Pinochet`s Chile a Pragmatic Model for Soviet Economy“, Washington Post, 23. August 1991

11 Return of the Czar, eine Folge von Frontline (einer PBS-Fernsehserie), Produzent Sherry Jones, gesendet am 9. Mai 2000

12 Boris Jelzin, Rede beim Volksdeputiertenkongress der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), 28. Oktober 1991

13 David McClintick, „How Harvard Lost Russia“; Institutional Investor, 1. Januar 2006

14 Joseph E. Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung (Berlin: Siedler, 2002), 193 ff.

15 Stephen F. Chohen, „Can we Convert Russia?“, Washington Post, 28. März 1993; Helen Womack, „Russians Shell Out as Cashless Society Looms“, Independent (London), 2. August 1992

16 Russian Economic Trends, 1997, 46, zitiert in Thane Gustafson, Capitalism Russian-Style (Cambridge University Press, 1999), 171

17 Marais, South Africa, 170

18 Gumede, Thabo Mbeki and the Battle for the Soul of the ANC, 89

19 Gumede, Thabo Mbeki and the Battle for the Soul of the ANC, 108

20 Scott Baldauf, „Class Struggle. South Africa´s New, and Few, Black Rich“, Christian Science Monito, 31. Oktober 2006, „Human Development Report 2006.

21 „South Africa: The Statistics“, Le Monde Deplomatique, September 2006; Michael Wines und Sharon LaFraniere, „Decade of Democracy Fills Gaps in South Africa“, New York Times, 26. April 2004

22 Simon Robinson, „The New Rand Lords“, Time, 25. April 2005

23 Michael Wines, „Shantytown Dwellers in South Africa Protest the Slugggish pace of Change“, New Yourk Times, 25. Dezember 2005

24 Mark Wegerif, Bev Russell und Irma Grundling, Summary of Key Findings from the National Evictions Survey (plokwane, Südafrika: Nkuzi Development Association, 2005), 7

25 Michael Wines, „Shantytown Dwellers in South Africa Protest the Slugggish pace of Change“, New Yourk Times, 25. Dezember 2005

26 Michael D. Lemonick, „Lost to the Ages“, Time, 28. April 2003; Louise Witt, „The End of Civilization“, Salon, 17. April 2006

27 Peifer, „Where Majors Fear to Thread“

28 Edward Wong, „Iraqi Cabinet Approves Draft of Oil Law“, New York Times, 26. Februar 2007

29 Interview mit Alejandro Foxley am 26. März 2001 für Commanding Heights: The Battle for the World Economy

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