Oktoberfest Bombe: So wurde Aufklärung medial sabotiert

Teil 1 und 2 der Buch-Zusammenfassung “Oktoberfest, das Attentat” veranschaulichten Versagen und Vertuschung der Bundesanwaltschaft – sie hätte die Aufgabe den schlimmsten Terroranschlag der Bundesrepublik aufzuklären. Dieser Teil 3 zeigt das Zusammenspiel mit Medien, welches Ermittlungen zunichte machte. Es konnte damit die öffentliche Meinung manipuliert werden.

Bereits 16 Stunden nach dem Anschlag, ab dem „frühen Samstagnachmittag“ (S. 153) bedrängen Reporter das persönliche Umfeld des (angeblichen) Einzeltäters Gundolf Köhler in dessen Wohnort Donaueschingen.

„Zu diesem Zeitpunkt hatten die Behörden noch keine Namensliste der Toten (…) veröffentlicht, geschweige denn den Namen (…) Köhler. Der erschien erstmalig um 22 Uhr an diesem Samstag in den Nachrichten – unter Berufung auf Informationen der Zeitschrift „Quick“. (S. 154)

Chaussy kommentiert dieses unverantwortliche Vorgehen:

„Schneller als die Polizei, Journalisten als nützliche Idioten“

„Peter Wiegand und Max Gärtner und die gesamte Jugendszene Donaueschingens erfuhren von dem Verdacht gegen ihren Freund Gundolf Köhler durch den Reporter der Quick schon Stunden bevor in der Öffentlichkeit irgendetwas über den mutmaßlichen Täter (…) verlautete. (…)

Erst sechs Tage später, am Donnerstag, dem 2. Oktober 1980, wurde Peter Wiegand zum ersten Mal von der Polizei befragt. Am siebten Tag nach dem Attentat, am Freitag, dem 3. Oktober, war Max Gärtners erste Vernehmung.“ (S. 155)

Am Sonntagvormittag, 28.09.80, kamen „Quick“-Journalisten zu einer früheren Freundin Köhlers namens „Gabi“. Woher wussten sie Name und Adresse, ihr Wohnort war weit entfernt von Donaueschingen? Auf diese Nachfrage von Gabis Vater antworten die Reporter, dass sie es „von einer offiziellen Stelle“ herhatten. (S. 112)

Chaussy hinterfragt „welche Chancen (…) die Ermittler überhaupt noch [hatten], in Donaueschingen zu klaren Ergebnissen zu gelangen“? (S. 158)

„Die Soko Theresienwiese hatte keine Ahnung davon, dass der bayerische Staatsschutzchef [Langemann] die ins Lagezentrum des Innenministeriums übermittelten Fahndungsinterna sofort an die von ihm angefütterten Journalisten weitergegeben hat.

Generalbundesanwalt Rebmann musste ohnmächtig mitverfolgen, dass trotz der von ihm aus gutem Grund angeordneten Nachrichtensperre (…) bis Samstagabend Köhlers Name und mutmaßlicher Tatbeitrag in den Nachrichten gemeldet worden war. Rebmann tobte, und es ist gut nachvollziehbar, warum: Ab Samstagmittag können bestehende Ermittlungsansätze zerstört worden sein.“ (S. 158)

Chaussy hinterfragt den „Deal“: Was war die Gegenleistung für die zugesteckten Informationen, das Interesse der Behörden?

„Für den Deal musste es aber nicht nur Interessen auf journalistischer Seite, sondern auch einen Anbieter aus dem Kreis von Polizei, Justiz oder Regierung gegeben haben. Wer aber, und mit welchem Motiv, konnte auf Seiten der ermittelnden Behörden (…) Name und Adresse einer wichtigen Zeugin an Illustrierten-reporter weitergeben?“ (S. 113)

Der damalige Chef des bayerischen Staatschutzes Hans Langemann ließ sich Kontakte zu Medien exakt drei Jahre vom den Anschlag absegnen: Am 26.09.1977 traf er sich mit dem damaligen Staatssekretär im Innenministerium Erich Kiesl. Es existiert eine handschriftliche Notiz:

„Notiz: H. Sts. wurde heute eingehend über die Einzelprojekte I F 3 (= Verfassungsschutz durch Öffentlichkeitsarbeit, U. C.) vorgetragen. Volle Billigung. Sts. insbesondere interessiert an Quick-Kontakten und Steuerung geeigneter pub. Maßnahmen (Extremisten, Terroristen). H. Sts. wünscht Ausbau des Projektzweiges. Dann Etaterhöhung?“ (S. 124)

Die Medien-Berichte griffen dem vorgegebenen Ermittlungsergebnis voraus. Ein Titel lautete:

„Köhler – Einzeltäter oder Massenmörder – der tote Attentäter trug den Ausweis in der Tasche“.

Als die Zeitungen am Montag, dem 29. September, die ersten Fahndungsnachrichten vermeldeten, war den Kriminalisten bereits klar, dass ihre Arbeit mehr erbringen musste als einen plausiblen Anfangsverdacht.“(S. 138)

Chaussy schreibt, dass diese „Massenmörder“-Schlagzeile „gewiss mehr gelesen worden“ sei, als die Rüge, …

„… die Quick deswegen später vom Deutschen Presserat erhielt: Ein Tatverdächtiger darf nicht im Vorgriff auf die Ermittlungen (…) von der Presse vorverurteilt werden. (S. 136)

Die Leidtragenden an dieser Sabotage sind die Opfer und deren Verlangen nach Gerechtigkeit. Ihre Proteste, als die Bundesanwaltschaft 1982 die Ermittlungen einstellte, verhallten ungehört. Es protestierten damals lediglich zwei Opfer:

„Ignatz Platzer, der bei dem Anschlag zwei seiner fünf Kinder verlor, seine Frau die drei anderen Kinder und er selbst wurden zum Teil schwer verletzt; außerdem Renate Martinez, die wegen zahlreicher Bombensplitter im Rückenbereich immer wieder operiert werden musste und eine schwere Fußverletzung erlitt.“ S. 101

Viele Opfer mussten um Entschädigungs-Versorgung kämpfen, „mit der Zeit wurden die Berichte über die Verletzten spärlicher.“

„Von 174 Anträgen auf Versehrtenrente wurden 93 abgelehnt.“ (S. 100)

Chaussy traf sich mit einem Opfer, Marianne Grubers (Name geändert). Sie schildert ihren Zweifel an der behördlichen Darstellung des Attentats.  Grubers sagt jedoch, dass ihr normales Leben im Vordergrund steht und das Vergessen.

„Ich ärgere mich noch heute, dass bei der ganzen Geschichte nicht mehr herausgekommen ist als der eine Täter. Doch einen Rechtsanwalt habe ich nicht eingeschaltet. Der kostet Geld, das ich zahlen muss. Das war mir zu teuer. Sonst würde ich das heute noch machen, weil ich das nicht richtig finde, dass man den Fall ad acta gelegt hat. Der Köhler ist es und bleibt es. Und aus.“ (S. 102)

Chaussy fragt, ob sie Hass empfindet – worauf sie antwortet: „Ja. Eigentlich schon.“ 

Die breite Öffentlichkeit verdrängte bereits am nächsten Tag, am Wiesnsamstag, 27.09.80, den Anschlag:

„Pünktlich bis zur Öffnung des Festplatzes um elf hatten die Arbeiter der Stadtreinigung das Blut der Bombenopfer vom Pflaster gewaschen (…).

Die Trauernden legten Blumensträuße an den Tatort, einer einen Zettel: „Auch wenn Sie weiterhin Lust haben, das Oktoberfest zu besuchen, denken Sie daran, dass an der Stelle, an der Sie jetzt stehen, gestern Kinder, Frauen und Männer zerfetzt wurden.“ (…)

Für die meisten aber, das hatte der Oberbürgermeister [Erich Kiesl] der Stadt ganz richtig erahnt, gingen Leben und Fest und Trinken und Kauen unbeirrt weiter. Eine Million Wiesnbesucher sorgten an diesem Wochenende (…) für einen neuen Rekord, wie immer bemessen in Maß Bier, Hendl und Würstl.“ (S. 79)

5 Gedanken zu „Oktoberfest Bombe: So wurde Aufklärung medial sabotiert“

  1. „Hoffmann: Ich meine, auch wenn aus dem Personenkreis um Röder von einigen idiotische Straftaten begangen wurden: Über Röder wird die Spur ebenso wenig wie über Kramer (Andreas Kramer ist ein deutscher Historiker, der seinen Vater, angeblich BND Agent, letztes Jahr als Organisator des Münchner Anschlages bezichtigt hat) zu den wahren Schuldigen am Oktoberfestattentat führen. Es wäre die nächste Sackgasse. Die Spur muss bei Hans Georg Langemann, dem damaligen Chef des bayrischen Verfassungsschutzes, aufgenommen werden. Aber dazu muss man mutig bis zur Todesverachtung sein. Ein mörderisches Verbrechen gegen die eigenen „Volksgenossen“ hätte niemals in Rhöders ultranationales Weltbild gepasst.“ (Auszug aus Compact Magazin 3/2014)

    Das würde auch Sinn ergeben, mit der Tatsache der Weitergabe Köhlers Name an die Quick.
    Ausgerechnet diese Quick hat auch dem Verfassungsschutzmann Behle Geld für Informationen gegeben.

  2. Damals noch irgendwie ein Novum, sehen wir heute – zahllose von Geheimdiensten arrangierte „Verbrechen unter falscher Flagge“ später – viel klarer. Klingt folgender Satz für den Leser irgendwie vertraut?

    „In Wirklichkeit gibt es keine Länder mehr – Menschen die gut sind schon gar nicht! Die haben alles unter Kontrolle, ihnen gehört einfach alles, dieser ganze Scheiß-Planet, sie können tun und lassen was sie wollen!“ (aus John Carpenters „Sie leben!“)

    Man denke jetzt nicht an leere Begriffe wie Faschismus, Zionismus, Hochfinanz, Kommunismus oder dergleichen. Man denke an die sinnlose Durchtriebenheit, Geltungssucht oder Macht- und Profitgier ganz normaler Menschen, denen man einen Posten und die entsprechenden Profite im Sinne von Macht und Ansehen zugesteht und dann kennt man die Antwort: „Das Imperium“.
    In unserem Falle kann es wohl nur das amerikanische sein. Nicht weil das sowjetische mit edleren Mitteln arbeitete, nein, weil „die USA“ damals und bis heute unsere tatsächlichen Herren sind. Dort liegen die Antworten, ich verspreche es. Der deutsche Vasall ist nur Werkzeug und Mittäter (siehe Langemann) aber entsprechend seiner Natur ein sehr engagierter. 🙂

    1. „Der deutsche Vasall ist nur Werkzeug und Mittäter“

      Das, denke ich greift zu kurz, wie auch schon der Kommentar davor.

      Faschisten waren sehr wohl willens und in der Lage, auch Angehöriger der eigenen Ethnie zu morden, wenn nötig. Siehe Italien, da würde ich niemanden rausnehmen, auch den Herrn mit dem Reichshof, der im übrigen engste Kontakte zum von US-Diensten dominierten KKK hat.

      Deutschland ist auch kein reiner Vasall, sondern Teilhaber des Imperiums. D.H. es gibt eine Kumpanei amerikanischer, deutscher, usw. Dienste und den Neonazis, durch die fast alle Beteiligten profitieren. Da zu sagen, nur die einen sind die Oberbösen ist doch etwas willkürlich.

      Ansonsten eine kleine Kritik an dieser Seite: Einerseits fleißige, interessante Recherchen, anderseits würde dem Hausherren diese Lektüre anraten, um bei eigenen Positionen, vielmehr in den Kommntaren den kritischen Blick zu schärfen.
      http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

  3. vor der Bombe habe ich etwa 10 Minuten vorher eine Leuchtrakete neben mir hochgehen sehen, aber nicht danach geschaut woher sie kommt, sondern der Rakete in den Himmel nachgeschaut. bin auch der Meinung, dass es keine Einzeltäter-Tat war!

    1. Ich schrieb Herrn Chaussy an, was er von den medialen Vorverurteilungen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hält. Er kritisierte dies ja beim „Einzeltäter“ Köhler stark. Er antwortete auf meinen Brief jedoch nicht. Ich führe das auf den Gruppenzwang zurück, die offizielle Darstellung zu befolgen.

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